Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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heit der Fragestellung preiszugeben. Es schreiben hier wirklich nur die Menschen,
die in der Lage sind, in ihrem Thema die Summe einer Lebensarbeit irgendwie
zum Ausdruck zu bringen. Wenn Schering über Musikwissenschaft an den Universi-
täten, Cortolezis über die Opera buffa, Smend über Bachs Bedeutung für den Pro-
testantismus, Walter Rein über Erziehung zum polyphonen Singen, Wellesz über
Oper und Tanz, Wicke über Methode im Schulmusikunterricht schreibt, so ist in
der Tat eine Einheit zwischen dem Stoff und dem Autor gegeben und es entsteht
ein erfreuliches Niveau, das dem ganzen Buche sein Gepräge gibt und ihm eine
starke Resonanz sichern wird.

Berlin-Charlottenburg. Hans Mersmann.

Beethovens Violinsonaten, analysiert von Justus Hermann Wetzel.
1. Band. Berlin, Max Hesses Verlag.

Die Möglichkeiten, musikalische Werke analytisch zu erfassen, sind noch immer
in hohem Grade ungeklärt. Wir besitzen keine Methode, die Anspruch auf allge-
meine Gültigkeit hätte, wir besitzen, hierin ärmer als die Vertreter der anderen
Fachgebiete, nicht einmal eine Terminologie, durch die wir uns verständlich machen
könnten, ohne daß jeder Begriff einer Mißdeutung ausgesetzt ist. Wer es ernst
nimmt und sich abseits des üblichen dilettantischen Schrifttums über Musik stellt,
sieht sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, jedesmal die Vorfragen klären zu
müssen.

J. H. Wetzel gehört zu den Abseitigen. Er geht von einer Theorie des musika-
lischen Bewußtseins aus und sucht von dieser Einheit des Bewußtseins den
Weg in die verschlungenen Gebilde des Kunstwerks. Er sucht diesen Weg kon-
zessionslos, ohne das für richtig erkannte Prinzip auch nur im kleinsten preiszugeben,
mit einer die kleinsten Einzelheiten durchdringenden Teilarbeit und einer hochzu-
schätzenden Verantwortlichkeit dem Werke gegenüber.

Es handelt sich hier nicht darum, die notwendigen Grenzen dieser Methode
oder ihre Gefahren aufzuzeigen, auf die Stellen zu weisen, an denen die Vielheit
der Kräfte im musikalischen Organismus von der Einheit des Bewußtseins aus nicht
mehr faßbar erscheint und sich ihr widersetzt. Aber vielleicht wird gerade in diesem
Analysenwerk ein Mißverhältnis zwischen Methode und Objekt besonders deutlich.
Nicht ein Mißverhältnis des Raumes. Wer sich an irgend einer Stelle einmal in das
Kunstwerk einsenkt, weiß, daß es ein Leichtes ist, über fünf Violinsonaten mehrere
hundert Seiten zu schreiben. Aber vielleicht sind gerade Beethovens Violinsonaten,
welche immer wieder in die Gesellschaftsmusik hinüberspielen, kein ganz glückliches
Objekt für eine Methodik von derartiger Sirenge des Systems und Konsequenz der
Durchführung.

Wetzel führt bestimmte Gesichtspunkte: Rhythmik der Tonfolge, des Klang-
lebens, Gliedbau und Bauschema an jeder einzelnen Sonate durch. Die Art seiner
Analyse läßt sich mit der Riemanns vergleichen. Es geht ihr nicht darum, über das
Werk auszusagen, sondern das Werk selbst in allen seinen Bezogenheiten, teils als
Notenbild, teils in Form schematischer und tabellarischer Überblicke noch einmal
hinzustellen. Man kann die Frage der praktischen Verwendbarkeit dieser Analysen
ganz zurückstellen: sie setzen ein Maß von Willen und Selbstentäußerung voraus,
das sich immer nur bei ganz wenigen Menschen finden wird. Denn diese müssen
zunächst nicht das Werk suchen, sondern ihr Denken und Fühlen in höchstem Maße
mit dem Verfasser identifizieren, um mit seinen Augen sehen zu lernen. Aber auch
ohne diese Rücksicht auf den Zweck kann ich mich des Gefühls nicht erwehren,
als sei in dieser Art der Betrachtung eine Vorarbeit geleistet, ein Unterbau ge-
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