Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

schuf die Koloratur. Dieses Antiverismo gipfelte in der Stilisierung alles Affektlichen.
Hier hätte vielleicht auch die Affektenlehre kurze Erwähnung finden können. Uber
die Kastratenkunst verbreitet das Rabich noch nicht zugänglich gewesene Werk von
Haböck neues Licht.

Es sei gestattet, einmal an dieser Stelle auszusprechen, daß im allgemeinen bei
der Opernforschung die musikalisch-formale Seite zu stark betont, dagegen die lite-
rarischen Fragen sowie die Probleme der Inszenierung und der Oesangskunst ver-
nachlässigt werden. In dieser Richtung liegt wohl auch der Weg zu neuen Erkennt-
nissen. Weil die Oper durch das Zusammenwirken verschiedener Künste die je-
weiligen kulturellen und geistigen Anschauungen widerspiegelt, gibt jedes Zeitalter
auf die Frage »Was ist eine Oper« eine andere Antwort.

Berlin. Herbert Biehle.

Max Koch, Beethoven der Kämpfer. Gedenk- und Mahnrede bei der Beet-
hoven-Feier der Breslauer Sängerschaft »Leopoldina« (Weim. C. C). Langen-
salza, Beyer & Söhne (Beyer & Mann). Pädagogisches Magazin, Heft 1146,
43 S. 1 M.

Der berühmte Literarhistoriker und verdienstvolle Wagner-Biograph gelangt zu
seiner Problemstellung durch einen Vergleich zwischen den Beethoven-Jahrhundert-
feiern 1870 und 1927. Jubelklang wie damals kann in diesem Jahre des Unheils,
deutscher Ohnmacht und Zerrissenheit nur ganz gedämpft hervorbrechen. Uni so
stärker und reiner möge sich das Bekenntnis zu dem großen Meister losringen.
Wir Deutsche wissen im nationalen Wettkampfe unsere künstlerischen Güter nicht
genügend zur Geltung zu bringen. Dürfen wir doch hinsichtlich der Tonkunst ohne
Selbstüberhebung ein »Deutschland über alles« anheben. So gilt Kochs flammende
Mahnrede einer Würdigung des deutschen Menschen Beethoven, der hier im Rahmen
der geistigen Strömungen seiner Zeit besonders eindringliche Schilderung erfährt.
In Beethoven bewährt sich im höchsten Grade der Divan-Spruch, daß Mensch sein
heiße: ein Kämpfer sein. Wenn jemals ein Künstler, so hat der in Taubheit höchste
Werte schaffende, aus tiefinnerlichstem Pflichtbewußtsein in seinem fortgesetzten
Ringen unter keinem Schicksalsschlage erlahmende Beethoven Anspruch darauf, uns
Führer und Vorbild zu sein. — Kochs aus der Flut der jüngsten Jubiläumsschriften
weit emporragende Veröffentlichung, deren prägnanter Stil einer glücklichen Syn-
these von hoher Wissenschaftlichkeit und echt schöpferischer Begeisterung zu
danken ist, bietet auch dem Musikhistoriker durch ihre scharfe geistesgeschichtliche
Beleuchtung der kritischen Stellungnahme zu Beethoven während des vergangenen
Säkulums reiche Anregung.

Berlin. Herbert Biehle.

Hermann Stephani, Grundfragen des Musikhörens. Breitkopf & Haertel,
Leipzig 1926. 55 S.

Die kleine Abhandlung sucht durch eine »Erörterung allererster Grundfragen
des Hörens von Klängen als Musik« eine Klärung in der Stellungnahme gegenüber
vielumstrittenen Problemen heutigen Musikschaffens, insbesondere gegenüber Ato-
nalität und Vierteltonmusik herbeizuführen.

Allen denen, die »jenseits von Konsonanz und Dissonanz« auf Grund einer
mechanischen Rotation« von exakt festgelegten, starren Oktav-Bruchteilen, wie
Oktav-24steln oder noch kleineren Tonwerten, eine Musik aufbauen wollen, macht
Stephani den Vorwurf, daß sie blind an einer Grundtatsache alles seelischen Musik-
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