Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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darunter verstand. Wir haben heute ästhetische und geistesgeschichtliche Kategorien,
von deren Existenz Hettner noch keine Ahnung hatte.

Aber es ist nicht dies allein, was uns heute von dem einst so berühmten Werke
trennt. Auch von Haym trennt uns eine Welt, und doch stehen die historischen
Werke Hayms ganz anders vor uns da als diese Literaturgeschichte des 18. Jahrhun-
derts. Haym war ein Mann und ein großer Gelehrter. In seinen Schilderungen ist
Mark, Kraft und Entscheidung. Er erzählt nicht nur, sondern er stellt dar. Dagegen
ist Hettner immer der liebenswürdige Plauderer, der Merkwürdigkeiten über Merk-
würdigkeiten zu berichten weiß, gebildet, belesen, aber viel zu glücklich und har-
monisch, um irgendwo in die Tiefe zu stoßen.

Den Gesichtspunkt, unter dem Hettner die Literatur des 18. Jahrhunderts in
England, Frankreich und Deutschland dargestellt hat, entnahm er seiner eigenen
Zeit. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die von der Romantik verdrängte Auf-
klärung schon wieder modern. Hettners Darstellung des 18. Jahrhunderts ist ebenso
wie Hayms Werk über die romantische Schule aus der Reaktion auf die roman-
tische Bewegung hervorgegangen. Nur steht Haym dem neu proklamierten Realis-
mus (ähnlich wie Fr. Th. Vischer) viel näher als Hettner. Dem Hegelianismus haben
sie alle drei abgesagt, Hettner in einer eigenen Schrift gegen die spekulative Ästhetik
Trotzdem ist gerade Hettner von der Vorstellung einer Synthese, die im Dreischritt
zu erreichen sei, nicht losgekommen. Vischer und Haym haben mit der Dialektik
wirklich Schluß gemacht. Bei Hettner erscheint das Zeitalter der Klassik als die
Synthese der Aufklärung und des Sturms und Drangs: -Die Einseitigkeit des Zeit-
alters der Aufklärung und die Einseitigkeit der Sturm- und Drangperiode sind in
einer höheren gemeinsamen Einheit versöhnt.«

Seiner geistigen Herkunft entsprechend ist in Hettners Werk die Darstellung
des Aufklärungszeitalters und die Darstellung des Weimarer Humanismus noch am
besten gelungen — nur darf man eben nicht vergessen, daß es im 18. Jahrhundert
noch etwas anderes als »Aufklärung« gibt, und daß Goethe und Schiller noch etwas
anderes sind als die Überlieferung von Weimar erzählt. Von den Abschnitten,
die dem Sturm und Drang und einzelnen Romantikern gewidmet sind, kann man
nur noch Notiz nehmen, wenn man nach geistesgeschichtlichen Sensationen begierig
ist. Als Probe nur das Urteil über Hamann: »Es ist schwer, sich durch die Schriften
Hamanns hindurchzuwinden. Wie er im Leben durch das hochmütige Bewußtsein
seiner frommen Gläubigkeit sich von den einfachsten menschlichen Pflichten ent-
bunden meinte, oft der nichtswürdigsten Verlumptheit anheimfiel und immer nur der
Sophist seiner ungezügelten Leidenschaftlichkeit blieb, so hat er es auch niemals ver-
mocht, sein Denken zu einheitlicher und folgerichtiger Klarheit herauszubilden.« Pädago-
gisch ist es wohl lehrreich, solche Urteile einer bürgerlichen Selbstzufriedenheit heute
wieder zu lesen. Warum man sie aber noch einmal druckt? Selbst das Goethe-Kapitel
wird von dem Herausgeber »ziemlich altmodisch und vielleicht sogar primitiv« genannt.

Es sind nicht Einzelheiten, die heute ungenügend erscheinen, es ist die Ober
flächlichkeit des geschichtlichen Blicks, die Hettners Werk nicht einmal als ein Werk
über die Aufklärung befriedigend erscheinen läßt. Man kann die Aufklärung unmög-
lich richtig darstellen, wenn man sie, wie Hettner tut, als eine eigenartige Fort-
setzung der Reformation nimmt. Die Vermischung von Reformation und Aufklärung,
die auch heute noch im Schwange ist, ist durch Hettner vor allem populär geworden.
Bei einem fundamentalen Irrtum über das Ganze ist aber auch keine Richtigkeit
'tn einzelnen möglich.

Der Herausgeber hat durch Hinzufügung einer großen Anzahl von Literatur-
nachweisen das Werk wieder brauchbar zu machen gesucht. Es ist leider festzustellen,
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