Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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malie (O. Levertin) gefunden. Ja, aber dies weiß ja schon längst jedes Schulkind,
ohne sich darüber im mindesten aufzuregen! Wenn dann der Verfasser nach allen
breitspurigen Ausführungen über allgemeine Fragen endlich zu den Werken kommt,
entsteht eine hundertseitige Langeweile. Sein Stil hat so gar keine Ausdrucksmög-
lichkeiten, entwickelt sich nur zuweilen zu Blüten wie diese: »Jedes Werk steht
senkrecht in seinem Mutterboden wie ein Baum.» >Sie gehört zu dem Geschlecht,
das aus dem Dunklen ins Helle strebt.« »Die Annäherung der Geschlechter birgt
ja im Beginn immer ein lyrisches, jede Ehe ein dramatisches Element.« »Sie ist
uns nun die große fesselnde Erzählerin, die in gediegenes Gold seelenvollen Menschen-
tums verwandelt, was immer sie mit dem Zauberstab ihrer Kunst berührt.« »Daß
aber die elf Genossen doch nur als reicher brokatner Hintergrund gelten müssen
für die leuchtende Marmorstatue Gösta Berlings, läßt sich leicht nachweisen.«

Nun noch eines: Professor Berendsohn fühlt sich verpflichtet, Selma Lagerlöf
gegen den Widerstand gewisser akademischer Kreise des heutigen Schweden zu
verteidigen. Wer hat ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt? Gleich nach dem Erscheinen
Gösta Bellings gab es einigen Widerstand, der aber rasch genug verstummte. Und
heute? Selma Lagerlöf, reich geehrt von allen, ist das erste weibliche Mitglied der
alten schwedischen Akademie.

Es sei gern anerkannt, daß das rein Biographische mit großer Sorgfalt darge-
stellt ist, wie überhaupt das ganze Buch von starkem Fleiß zeugt und von eingehen-
der Kenntnis der Dichtung und der Persönlichkeit Selma Lagerlöfs. Da verschiede-
nes offenbar von der Dichterin selbst herrührt, hat man in dieser Biographie die
beste Gelegenheit, sich ein Bild vom Leben der Dichterin zu machen, das bestehen
wird. Nur ist das Werk als rein geistige Leistung kein Fortschritt auf dem Wege
zur Erfassung einer künstlerischen Persönlichkeit und ihres Schaffens.

Berlin.

_ Carl David Marcus.

K. Jaspers, »Strindberg und van Gogh. Versuch einer pathographischen
Analyse unter vergleichender Heranziehung von Swedenborg und Hölderlin«,
2. ergänzte Auflage. J. Springer, Berlin 1926.
Die 2. Auflage der bekannten pathographischen Studie erscheint im Rahmen
der von Jaspers herausgegebenen Reihe »philosophische Forschungen mit der Be-
gründung: »Philosophie hat kein eigenes Gegenstandsgebiet, wohl aber werden
gegenständliche Forschungen philosophisch, wenn sie bewußt an die Grenzen und
Ursprünge unseres Denkens drängen. Die vorliegende Arbeit ist entstanden aus der
Frage nach den Grenzen der Verstehbarkeit menschlichen Lebens und Schaffens.
Alles Faktische, auch das faktische geistige Dasein, hat als solches ein Moment der
Unvtrstehbarkeit. Im gegenwärtigen Falle, in dem es sich um die Rolle von Geistes-
krankheiten handelt, kann dieses Faktische empirisch vergleichend bestimmter ge-
faßt, aber durchaus nicht etwa durchschaut werden.«

Es besteht kein Anlaß, hier auf die grundsätzlichen Probleme dieser program-
matischen Erklärung einzugehen. Sie werden von verschiedenen Seiten anders ge-
sehen: Bleuler hat es wiederholt abgelehnt, das unbestimmte Merkmal der »Ver-
stehbarkeit« als Unterscheidungsmoment für die schizophrene Abart des heutigen
Menschen gelten zu lassen. Und Kleist hat Jaspers und »seine Geistesverwandten»
gehöhnt, weil sie »die Geisteskrankheiten als eine Art Schauspiel betrachten, dem sie
mit Staunen und Ergriffenheit, Mitleid und Bewunderung folgen. Sie werden selbst
hingerissen und reden in klingenden Worten vom festlichen Zug der Visionen, und
sind glücklich, wenn sie dem diese rätselhaften Gebiete durchschreitenden Kranken
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