Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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Prozesses deutlich verfolgbar macht. Bei van Gogh führt er den Beweis bis zu hoher
Wahrscheinlichkeit und lehnt die Versuche, die Krankheitsphasen auf Epilepsie (oder
auch auf Paralyse) zurückzuführen, aus psychologischen und klinischen Gründen ab.
Über Hölderlins Krankheit hat nie ein Zweifel bestanden. Jaspers schildert an ihrem
Verlauf die Erscheinungsformen jener unter einem produktiven Aufglühen stufen-
weise eintretenden seelischen Verödung, die am Ende dieses quälend unbegreif-
lichen und brutalen Krankheitsprozesses steht. Swedenborg schließlich hält er gegen
Einspruch von Gruhle ebenfalls für schizophren, indem er den Unterschied seiner
Persönlichkeit von der »anderer Mystiker, wie Plotin, Meister Eckhart, Thomas von
Aquino«, betont.

Aus Vergleichen mit »psychiatrischen Erfahrungen über Geistigkeit Schizophrener*,
xüber die Beziehung zwischen Schizophrenie und Werk« und »Schizophrenie und die
Kultur derZeit« entwickelt Jaspers seine Anschauung, die sich so zusammenfassen läßt:
»Ist die Schizophrenie bei diesen besonderen Menschen die Ursache oder eine Ursache
für das Schaffen der Werke?« Diese in der Tat quälendste und einstweilen nicht be-
friedigend zu beantwortende Frage läßt Jaspers offen, sucht aber nach begrifflichen
Handhaben zu einer Bejahung. Die zweite Frage lautet: »Wird ein von uns positiv
bewerteter Stilwandel nicht bloß durch Schizophrenie, sondern auch durch andere
außergeistige Vorgänge bedingt?« — Jaspers neigt dazu, der Paralyse eine ähn-
liche Macht zum Stüwandel beizumessen, geht aber auf sonstige Bedingungen dazu
nicht ein, da in seiner Terminologie wohl alle anderen Motive als geistig, als ver-
stehbar anzusprechen sind. In diesen Problemkreis wird sich bei anderer, durch
Nietzsche uns längst zur Pflicht gemachter Betrachtungsweise mehr Licht bringen
lassen. Die dritte Frage: .Hat die Stil Wandlung der Schizophrenie etwas im Werk
sichtbares Spezifisches ?« stellt in der Tat eine Riesenaufgabe, wie Jaspers sagt.
Aber es wäre möglich, daß man. um diese zu lösen, noch weiter ausholende Um-
wege gehen müßte. Z. B. die zeitgebundene psychologische Abgrenzung »der
Schizophrenie« als eines Krankheitswesens, das »außergeistig« einbricht und des-
halb unverstehbar sei, einmal zu suspendieren und die ganze Schar der allgemein
»abnormen« Künstler unbefangen psychologisch zu erforschen. Auf diesem Umwege
rückt Ref. z. B. der Aufgabe zuleibe. Es kann doch i m Grunde kein Zweifel darüber
bestehen, daß wir auf diesem ganzen Forschungsgebiete in Ketten tanzen, solange
wir die eben gerade geltenden (und zugleich bestrittenen) Denkformen eines Fach-
gebietes, sei dies nun Psychiatrie, Ästhetik oder was immer, als entscheidende In-
stanz anerkennen. Man wird nur ihre methodischen Hilfsmittel benutzen, aber jede
Entscheidung über Wesensfragen aus ganz anderen Schichten holen müssen. Daß
Jaspers in dieser Hinsicht einfach offen die Grenze zwischen diskutablen Thesen
und dem persönlichen Interesse des Privatmenschen kenntlich macht, spricht für
jene psychologische Redlichkeit, die heute so selten ist, daß führende Fachleute noch
nicht einmal den Begriff kennen, geschweige denn den inneren Rang, den er be-
zeichnet.

Frankfurt a. M. _. Prinzhorn.

Ernst Kieseritzky, Die Schönheit unserer Muttersprache. Leipzig u.
Berlin, Teubner, 1926. VII u. 386 S. M. 8, geb. M. 10.
Das vorliegende Buch will unmittelbar praktischen Zwecken dienen, will jedem
seine Sprache als Wesensausdruck liebenden Deutschen, besonders aber dem Lehrer
ihres Baues und ihres Charakters wertvolle Winke für eine tiefere und vor allem
lebendigere Erfassung ihrer Eigenart geben. Ohne durch entbehrliche Theorie lästig
'ii fallen, werden in großen Abschnitten die deutschen Laute, der Wortton, Satzton,
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