Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

Frauenkleidung außerhalb des Theaters nachgeht und die mannigfachen psycho-
logischen, praktischen, erotischen, kultischen usw. Gründe sucht. Das zusammen-
gelesene und zusammengebrachte Material ist weder alltäglich noch eng begrenzt
und in seiner Fülle jedenfalls erstaunlich. In der Verwertung geht der Verfasser
einen Mittelweg zwischen gewollter Wissenschaftlichkeit und amüsanter Plauderei.
Daß es nicht zuletzt auf gute Unterhaltung ankommt, lehren die Bilder. Ihre Zahl
ist erfreulich groß, aber von einer Verarbeitung des Bildmaterials in den Text ist
keine Rede. Selten einmal fallen Text und Bilder so völlig auseinander wie hier.
Offenbar auch hat in der Auswahl der Zufall eine große Rolle gespielt; denn sonst
hätte man nicht so manches gleichgültige Beispiel gehäuft und für neuere Zeiten
so bedeutende Vertreterinnen wie Anna Schramm, Hansi Niese, Gertrud Eysoldt
außer acht gelassen. Für die George Sand der Agnes Straub, S. 207, dürfte die
Unterschrift »Venetianische Nacht« wohl richtiger »Flucht nach Venedig« heißen.
Berlin.

_ Hans Knudsen.

Die Akademie. Drittes Heft: Festgabe Rudolf Lehmann zu seinem siebzigsten
Geburtstag am 26. März 1925 dargebracht von Ludwig Bendix, Franz Boas,
Max Dessoir, Friedrich Eschrich, Aloys Fischer, Ernst Gehrcke, Ernst Gold-
beck, Rudolf Lehmann, Robert Franz Müller, Fritz Rippe, Bernhard Schmeidler,
Erich Seeberg. 250 u. VIII S. Verlag der Philosophischen Akademie Erlangen,
1925.

Nur zwei Aufsätze aus dieser Sammlung berühren das Gebiet der ästhetischen
Fragen.

1. Franz Boas behandelt »die Form in primitiver Literatur«. Sein Aufsatz
legt ein beredtes Zeugnis davon ab, wie der große Wandel in den Geisteswissen-
schaften, wie wir ihn jetzt erleben, seine Wirkungen bis in die Völkerkunde hinein
zu erstrecken beginnt. Als Aufgaben der künftigen ethnologischen Forschung be-
zeichnet er am Schluß seiner Arbeit »erstens die Bestimmung derjenigen Züge
literarischer Tätigkeit, die der ganzen Menschheit gemeinsam sind; zweitens die
Bestimmung des literarischen Stiles eines jeden Volkes«. Vor einigen Jahrzehnten
würde ein so exakter Forscher wie Boas derartige Fragestellungen jedenfalls in das
Reich der Spekulation verwiesen haben. Während bisher die kunstwissenschaftlichen
Probleme aus dem Stoffgebiet der Völkerkunde fast nur von Kunsthistorikern und
Musikwissenschaftlern behandelt sind, dürfen wir danach hoffen, daß sie künftig
auch bei den Ethnologen selber Interesse finden werden. — Die Herrschaft einer
Form oder eines Stiles in der primitiven Literatur erblickt Boas vor allem in der
verbreiteten Neigung der wortgetreuen Wiederholung. Wenn z. B. verschiedene
Personen die gleiche Situation durchleben, wiederholt sich deren Schilderung wört-
lich. Ähnlich ist es bei Aufzählungen und Beschreibungen, die sich auf zusammen-
gesetzte Gegenstände beziehen, indem hier eine immer wiederkehrende Vorstellung
jedes Mal mit den gleichen Worten ausgedrückt wird. Boas spricht dabei geradezu
von rhythmischer Wiederholung: die formelhaften, wiederkehrenden Elemente sind
in sehr vielen Fällen in der Tat rhythmisch gegliedert und müssen als Poesie auf-
gefaßt werden (5. 162). Mit Recht polemisiert Boas dabei gegen die bekannte An-
schauung Karl Büchers vom Ursprung des Rhythmus aus der Arbeit und vertritt
den Standpunkt, daß eine Freude an der regelmäßigen Wiederholung auf allen
Gebieten dem Mensch von Haus aus eigen ist und nicht erst von der Freude an
der regelmäßigen Bewegung her auf andere Gebiete übergegriffen habe. — Indem
Boas seinen Gegenstand an einer Reihe von Beispielen über ein weites Völker-
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