Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 32.1938

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Das Überwirkliche in der Kunst

Von

Richard Müller-Freienfels1)

I. Kultur als Schöpfung einer Überwirklichkeit

Leitgedanke dieser Darlegungen ist, daß alle Kunst, die mehr erstrebt
als flüchtige Sinnesreizung, schöpferische Darstellung eines
Überwirklichen ist, das vorwiegend, obschon nicht ausschließlich,
„ästhetisch" erlebt wird. Die Kunst ist als wesentlicher Zweig der Ge-
samtkultur des Menschen anzusehen, die in all ihren übrigen Zweigen
ebenfalls auf Schaffung von Überwirklichem gerichtet ist. Nur inner-
halb des gesamten Kulturzusammenhangs, niemals als „Kunst für die
Kunst", ist das Wesen der Kunst zu verstehen. Hoch über dem, was ein-
zelne Menschen gestalten und was von andern Einzelmenschen ästhetisch
erlebt wird, besteht in allen Kulturkreisen die Kunst als Insgesamt un-
zähliger geschaffener Werke, die zusammen einen Wesensausdruck dieser
Kultur bilden und zugleich Eigenwert haben. Das Leben jedes Kulturvolkes
ist überragt von Tempeln und Palästen; neben die wirklichen Menschen
stellt die Kunst erhabene oder anmutige Gestalten aus Erz oder Marmor,
und die Wände der Häuser schmückt sie mit Bildern eines farbigeren und
bewegteren Lebens, als der Alltag es bietet. Bis zu den Teppichen und
Töpfen, die in den Wohnungen gebraucht werden, steigt die Kunst herab
und prägt sie in ihrem Geiste. Dazu ist jede Kultur durchwoben von klang-
schönen Liedern und Symphonien; die Kunst spricht in epischen Gesängen
und lyrischen Versen, und in erleuchteten Bühnenhäusern tritt sie mit bald

a) Der Verfasser, der von jetzt an die Herausgabe dieser Zeitschrift übernimmt,
stellt mit Absicht diesen Aufsatz voran, der — wie das auch der bisherige Heraus-
geber getan hat und wie es im Titel der Zeitschrift ausgesprochen ist — die Kunst
nicht bloß als ästhetisches oder psychologisches Phänomen faßt. Da der Verfasser
vielen nur als Autor einer mehrbändigen „Psychologie der Kunst" bekannt
ist, so möchte er durch diesen Aufsatz klar betonen, daß er Ästhetik und allgemeine
Kunstwissenschaft und zugleich seine Herausgeberschaft an dieser Zeitschrift keines-
wegs bloß im psychologischen und individualistischen Sinne versteht, sondern in dem
viel weiteren Geiste, der bisher in dieser Zeitschrift gewaltet hat und der in der
Kunst einen weit über das Ästhetische hinausgreifenden, für die gesamte Entwick-
lung jedes Kulturkreises wesentlichen Tatbestand gesehen hat.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXII. 1
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