Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 32.1938

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Die romantische Kunstanscfaauung Wackenroders

und Tiecks

Von

Margarete Wiedemann-Lambinus

Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts bereitet sich ein Umschwung im
deutschen Geistesleben vor. Sind die neunziger Jahre noch ganz von
antikem Geiste erfüllt, und beherrscht Winckelmanns Wort von der edeln
Einfalt und stillen Größe den allgemeinen Geschmack, so macht sich kurz
vor der Jahrhundertwende eine neue Strömung bemerkbar. Bestrebungen
aus der Geniezeit tauchen wieder auf. Herders Geist scheint zu neuem
Leben erwacht. Die Liebe zum klassischen Altertum herrscht nicht mehr
ausschließlich, sondern wird zu einer Richtung neben andern. Dem
klassischen Kunstidealismus tritt die schwärmerische Begeisterung für die
italienisch-katholische Malerei und die altdeutsche Kunstschule entgegen.
Die von Napoleon unterjochten Völker suchen in einer schöneren und
größeren Vergangenheit Trost. Eine gesteigerte Frömmigkeit macht sich
geltend. In den Herzen der Menschen erwacht eine Sehnsucht nach Tiefe
und Innerlichkeit. Dieser neue Zeitgeist findet seinen ersten Ausdruck in
den Erzeugnissen eines zarten, feinfühligen Jünglings, Wilhelm Heinrich
Wackenroders. Er spricht als Erster aus, was unangetastet in der Luft
schwebt und nach Einführung ins Leben drängt. Das Dreigestirn der für
die romantische Ästhetik wegweisenden Schriften: die„Herzensergießungen
eines kunstliebenden Klosterbruders", die „Phantasien über die Kunst"
und „Franz Sternbalds Wanderungen" ist Wackenroders persönliches
Eigentum oder entsteht unter seinem Einfluß. Verglichen mit Tieck und
Friedrich Schlegel ist zwar Wackenroders Persönlichkeit und Leistung
von großer Schlichtheit, aber sein Werk trägt den Stempel einer Originalität,
die selbst unter den Romantikern ungewöhnlich erscheint. Liegen doch
in seinem Werk, bald klar ausgesprochen, bald nur angedeutet, Ideen und
Auffassungen, die nach kurzer Zeit Leben und Kunst beherrschen sollten.
Wackenroders Schriften werden gleichsam zur Urzelle der Romantik, um
die sich alle späteren Produktionen lagern. Die „Herzensergießungen"
stehen in starkem Gegensatz zu einer anderen Veröffentlichung über die
Kunst, die fast gleichzeitig zu erscheinen beginnt: Goethes „Propyläen".
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