Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 32.1938

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Was heißt Stüentwicklung?

Von

Christian Töwe

„Anders als in der Kölner Schule entwickelt sich der (gotische) Stil
am oberen Lauf des Rheinstromes"1). Solche Sätze, in denen von dem
Stil eines Künstlers, eines Landes oder einer Zeit ausgesagt wird, daß er
sich entwickle oder sich entwickelt habe, finden sich reichlich in nahezu
allen kunsthistorischen Büchern und Abhandlungen. Schon seit langem
werden die Begriffe Stil und Entwicklung in diesen engen Zusammen-
hang gebracht, so daß sie heute zum geläufigen und alltäglichen Sprach-
gut gehören, mit dem jeder etwas allgemein Bekanntes klar zu bezeich-
nen glaubt. Bei einer näheren Betrachtung dieser Begriffskombination
ergibt sich aber sehr bald, daß mit ihr eine ganze Anzahl von unge-
lösten Fragen und eigentümlichen Konsequenzen verknüpft ist, an die
man eben gerade wegen ihres häufigen und fast schlagwortartigen Ge-
brauchs nicht zu denken pflegt.

Wir beginnen unsere Überlegungen mit der Frage, welche Voraus-
setzungen der kunsthistorische Gegenstand „S t i 1" erfüllen muß, damit
er das Subjekt einer Entwicklung werden kann, wie es ja der Satz, von
dem wir ausgingen, und zahllose sinngleiche Sätze von ihm behaupten.
Diese Frage haben wir bereits früher in dieser Zeitschrift2) dahin beant-
wortet, daß Stil als objektiver Geist (bzw., wenn es sich um den Stil
eines Einzelmenschen handelt, als personaler Geist) verstanden werden
muß, in dem Sinne, in dem Nikolai Hartmann3) das Wesen des objek-
tiven Geistes bestimmt hat; denn nur dann ist der Stil ein Gebilde, das
wandlungs- und veränderungsfähig ist und dabei doch seine Identität
zu bewahren vermag; damit aber erfüllt er die Mindestvoraussetzung
für eine Entwickelung. Für den genaueren Beweis dieser Behauptung
können wir uns hier auf unsere früheren Ausführungen berufen4).

*) R. Dohme, Geschichte der deutschen Baukunst, Berlin 1887, S. 222.

2) Band 31, 1937, S. 343 f. Die Frage, die wir hier in Anmerkung 3 aufwarfen:
ob die Kunsthistorien transitive oder intransitive Entwickelungen darstellen, soll
hier für einen Teil der kunsthistorischen Methoden (die immanenten) beantwortet
werden.

3) Das Problem des geistigen Seins, 1933.

4) Sieht man dagegen im Stil nur eine kunsthistorische Kategorie, eine Kon-
struktion, ein methodisches Mittel, wie es z. B. B. von Wiese tut (Zur Kritik des

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXII. 19
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