Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 32.1938

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Die emotionalistische Ästhetik

Von

K. S. Laurila

(Helsinki)

Geschichtlicher Überblick

Unter emotionalistischer Ästhetik verstehen wir eine solche, die so-
zusagen auf das menschliche Gefühlsleben gegründet ist. Von
dem menschlichen Gefühlsleben aus sucht die emotionalistische Ästhetik
das Wesen der Kunst und die Eigenart des ästhetischen Verhaltens zu er-
klären. Nach dieser Auffassung ist nämlich das ästhetische Verhalten, kurz
gesagt, ein Gefühlsverhalten, d.h. ein Verweilen bei dem reinen, unmittel-
baren Gefühlswert der Erscheinungen. Die Kunst ist nach derselben Auf-
fassung eine menschliche Tätigkeit, die den Zweck hat, die Gefühlserleb-
nisse des Menschen durch sinnlich wahrnehmbare Mittel so auszudrücken,
daß andere dadurch „angesteckt" werden und dieselben nacherleben.

Dem unvoreingenommenen, von allen Theorien unbeeinflußten gesun-
den Laienverstande erscheint wohl der emotionalistische Grundgedanke
ziemlich einleuchtend, besonders in bezug auf die Kunst. Der unbefan-
gene Laie findet es wohl so ziemlich selbstverständlich, daß die Kunst und
das ästhetische Verhalten überhaupt in erster Linie mit unserem Gefühls-
leben in Verbindung steht und daraus abzuleiten ist und nicht aus dem
Verstände oder aus dem Willensleben. Demgemäß wäre der Laie vielleicht
geneigt anzunehmen, daß auch in der wissenschaftlichen Ästhetik die
emotionalistische Auffassung zu den allgemein anerkannten Grundwahr-
heiten gehört. Wir wissen jedoch, daß dies durchaus nicht der Fall ist.
Die emotionalistische Theorie war vielmehr bis auf unsere Tage eine sehr
wenig beachtete und auch ziemlich wenig bekannte Gedankenrichtung1).
Und auch in der heutigen Ästhetik ist sie keineswegs die vorherrschende
Lehrmeinung, obgleich sie ohne Zweifel in den letzten Jahrzehnten immer
mehr Verständnis und auch Anhang gefunden hat.

Doch ist der emotionalistische Gedanke keine rein moderne Erfindung.
Seine Wurzeln reichen vielmehr sehr weit in die Vergangenheit zurück,

x) Es ist bezeichnend, daß auch der sonst wohl unterrichtete Earl of Listo-
we 1 in seiner verdienstvollen „Critical History of modern Aesthetics" (London 1933)
die emotionalistische Theorie gar nicht als eine besondere Theorie erwähnt.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXII. 13
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