Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 32.1938

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Der dramatische Aufbau von Shakespeares „Hamlet"1)

Von

Gustav Künstler

Es ist eine weit verbreitete Anschauung, daß Shakespeares Bühnen-
stücken kein planvoller Aufbau zugrunde liege; sie gelten als köstliche
Früchte einer ungezügelten, elementaren Naturkraft. Nun ist es allerdings
wenig ergiebig, in Shakespeares Dramen nach der Folgerichtigkeit von
Exposition, Steigerung, Peripetie, Fall und Katastrophe oder derjenigen
von erregendem Moment, tragischem Moment und dem der letzten Span-
nung zu suchen; besonders die Forderung der Dreieinheit von Ort, Zeit
und Handlung zeigt sich mißachtet. Spuren dieser Elemente gibt es natür-
lich auch bei Shakespeare, als Aufbaugesetz bestimmen sie aber seine
Werke nicht. Findet sich dieses gesuchte Gesetz, das allein aus der Un-
kenntnis anderer zum Gesetze schlechthin werden konnte, in Shakespeares
Dramen nicht, so hat dies nicht zu bedeuten, daß nicht ein ganz anderes
wirksam sein kann.

Im folgenden wird der Versuch unternommen, „Shakespeares interes-
santestes und größtes Werk" (Strindberg), den „Hamlet", in seinem Auf-
baue aufzufinden und aufzuklären. Es soll weder von gedanklichen Tiefen
des Themas, noch von dessen historischer Bedeutung gehandelt werden;
das Kunstwerk einzig in seiner Erscheinung (nicht in seiner Bedeutung)
ist Gegenstand der Untersuchung. Sie besteht aus zwei Hauptteilen. Der
erste versucht, die Anlage von Szenen, wie besonders deren organisches

J) Die Arbeit ist der Absicht entsprungen, eine an Werken der bildenden Kunst
geschulte Beobachtungsweise an einem literarischen Kunstwerke zu versuchen. Sie
bleibt streng beim Thema, vermeidet jeden noch so nahen Ausblick. Die Arbeit war
bereits 1933 fertig. Die aus dem Befürchten, überholt zu sein, lange verzögerte Lek-
türe von Levin L. Schückings Buch „Der Sinn des Hamlet (Kunstwerk, Handlung,
Überlieferung)", Leipzig 1935, offenbarte die Andersartigkeit. Es war unnötig, vor-
liegende Arbeit zu ändern, weshalb auch jeder weitere Hinweis auf Schücking unter-
bleibt, auch wenn auf manche Fragen — z. B. diejenige der richtigen Einordnung des
„Sein oder nicht Sein"-Monologs — gegensätzlich geantwortet wird. — Der Verf.
dankt Herrn Dr. Ludwig Münz in Wien für sein anregendes Interesse während des
Entstehens der Arbeit und Herrn Professor Dr. Oskar Wulff in Berlin für bemerkens-
werte Hinweise, die der endgültigen Durchsicht des Manuskriptes noch nutzbar
gemacht worden sind.
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