Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 36.1942

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Schöne Kunst und Lebenskunst

Betrachtungen zu Schillers Lebensauffassung im Lichte
der Polaritätstheorie

Von
Otto Kühne

Fortsetzung aus Heft 2.

An sich erkennt Schiller aber durchaus richtig die Notwendigkeit einer
echten Gemeinschaftsbildung im gesellschaftlichen Leben an, was
schon aus seiner rhetorischen Frage spricht: „Der Konflikt blinder Kräfte
soll in der politischen Welt ewig dauern und das gesellige (sc. Gemein-
schaf ts-)Gesetz nie über die feindselige Selbstsucht siegen?" Nur
glaubt er — als überwiegend n a t u r philosophisch eingestellter Ästhe-
tiker — hierbei den triebhaften Naturkräften den Vorrang bei der erstreb-
ten Gemeinschaftsbildung überlassen zu sollen. Denn für das von ihm
aufzubauende „Reich der Schönheit" liefert nicht die Vernunft das not-
wendige Fundament, da sie bereits „geleistet hat, was sie leisten kann,
wenn sie nur das Gesetz findet und aufstellt", sondern der mutige Wille
und das lebendige Gefühl, zumal die menschlichen Triebe für Schiller
die „einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt" sind.

Doch nicht nur für die Ausbildung eines ästhetischen Empfin-
dungsvermögens, um das es Schiller hierbei zunächst geht, bildet die
Natur die notwendige Grundlage, sondern auch für „alle Aufklärung des
Verstandes", die immer nur insoweit Achtung verdiene, als sie auf
den (n a t u r bedingten) Charakter zurückgehe. Alle Vernunfterkenntnis —
auch darin gehen wir mit Schiller durchaus einig — „geht gewissermaßen
vom Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß
geöffnet werden". Ja, durchaus neuzeitlich klingt das Rezept, das Schiller
hier gibt: „Alle Verbesserung im Politischen soll von Veredlung des
Charakters ausgehen"... Doch einzigartig ist wiederum der Weg,
den Schiller für eine solche Charakterbildung allein zum Ziele führen
sieht: die schöne Kunst.
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