Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 36.1942

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Das Porträt

Von

Gerhard von Mutius

Wir leben im Zeitalter der Photographie, und es liegt nahe, nachdem
auf diese Weise eigentlich jedermann ein Bild von sich haben und an
Freunde und Verwandte verschenken kann, das künstlerische Porträt
von Menschenhand, das gemalte oder gezeichnete, als ein ehrwürdiges
Überbleibsel technisch weniger entwickelter Zeiten beiseite zu schieben
oder doch nur einem engeren Kreis von Liebhabern zuzuweisen. Auch
plastisch gibt es heute Möglichkeiten, die Natur so getreu zu kopieren,
daß, wenn das Bedürfnis nach einem plastischen Porträt sich einstellt,
es beinahe sicherer scheinen könnte, diesen technischen Weg zu gehen,
anstatt einen Künstler mit diesem Auftrag zu bemühen.

Man braucht diese Gedanken, die — darüber darf man sich nicht
täuschen — die Anschauungen und Ansprüche sehr weiter Kreise spie-
geln, nur auszusprechen, um sofort bei denen, die Kunst fühlen und um
Kunst wissen — es können, obgleich die ästhetischen Motive im Menschen
allgegenwärtig sind, doch immer nur verhältnismäßig wenige sein — den
leidenschaftlichsten Widerspruch wachzurufen.

So besteht zwischen der populären und der künstlerischen Auffassung
des Porträts eine Spannung, an deren Überwindung wir uns vielleicht
besser noch als bei anderen Gegenständen künstlerischer Darstellung,
wie zum Beispiel der Landschaft oder dem Stilleben, vergegenwärtigen
können, was Kunst leistet und fordert.

Zunächst müssen wir uns aber darauf besinnen, daß der Abstand
beider Standpunkte nicht ganz so groß ist, wie er scheint, daß nämlich
auch bei der photographischen Aufnahme, die hier der Einfachheit halber
auch andere Arten mechanischer Naturwiedergabe vertreten soll, künst-
lerische Gesichtspunkte bestimmend mitwirken, wie umgekehrt die gegen-
ständliche Bindung im Porträt immer besonders stark bleiben wird. Die
Forderung der Ähnlichkeit, die an die Photographie gestellt wird, beweist
nämlich allein schon, daß bloße Naturwiedergabe beim Photqgraphieren
in der Regel nicht anzustreben ist. Das mag allenfalls bei Photographien
zu wissenschaftlichen oder Identifizierungszwecken, wie die Paßphoto-
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