Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 36.1942

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Beiträge zur musikalischen Ästhetik II

Von
R. Hennig

Mein Aufsatz, der unter gleichem Titel den laufenden Band 36
dieser Zeitschrift eröffnete, hat mir eine überraschend große Zahl von Zu-
schriften eingetragen, die meine Ausführungen in dankenswerter Weise
ergänzten und durch zahlreiche weitere Beispiele erweiterten. Ich danke
allen freundlichen Briefschreibern hierfür, möchte aber auf die bereits
behandelten Fragen nicht weiter eingehen. Lediglich eine kurze Mit-
teilung, die von erheblichem grundsätzlichen Interesse ist, sei nachgetra-
gen. Mein alter Jugendfreund Pastor Frenkel-Stettin, der in jungen Jah-
ren gleich mir durch viele Jahre im Chor der Berliner Singakademie mit-
gesungen hat, teilt mir mit, daß er, obwohl nicht mit absolutem Gehör
begabt, dennoch durch sehr lange Zeit stets imstande war, sich den D-
moll-Akkord in der rechten Tonhöhe fehlerfrei zu vergegenwärtigen, so-
bald er an das Treppenhaus der Singakademie dachte. Der Grund der
eigenartigen Fähigkeit sei darin zu suchen, daß er vor den Konzerten auf
eben jener Treppe so oft den D-moll-Akkord der Orgel gehört habe, mit
dem den Streichern das Einstimmen ihrer Instrumente ermöglicht wurde.
Später sei diese Fähigkeit erloschen. Dafür aber könne er sich jetzt den
C-dur-Dreiklang jederzeit „aufs Haar genau" vergegenwärtigen, wenn
er an die Partitur oder den Klavierauszug des Anfangs der „Meister-
singer" denke. „Dann haue er niemals daneben", während er gehörten
Tonarten gegenüber durchaus hilflos sei.

Meine im Anschluß an Eduard Greils Kompositionen gemachte wei-
tere Bemerkung, daß für diesen wie für manche andren Musiker bei allen
geistlichen Tonschöpfungen eine starke Vorliebe für b-Tonarten erkenn-
bar sei, ist noch durch ein recht originelles Beispiel vermehrt worden.
Herr Chormeister Michel Rühl in Düsseldorf, der vor einigen Jahren ein
beachtliches geistliches Chorwerk „Der Kreuzweg" komponiert und mehr-
fach aufgeführt hat, berichtet mir, er habe ganz unbewußt sämtliche Ein-
zelstücke dieser Arbeit in b-Tonarten gesetzt, so daß seine Musiker ihm
nach der ersten Aufführung gesagt hätten, die Komposition müsse eigent-
lich nicht „Kreuzweg", sondern „B-Weg" heißen.

Zeitsclir. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXVI. 12*
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