Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 36.1942

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Das literarische Porträt bei James Joyce

Betrachtung über ein Frühwerk des irischen Dichters

Von

Wolf gang Wilhelm

Zum Wesen des Porträts gehört das Fehlen äußerer Aktion. Dafür
eignet ihm meist innere Bewegtheit und eine Intensität des Zustandes, die
dem in einer Handlung Begriffenen nicht bewußt wird, weil seine Auf-
merksamkeit vom Gegenwärtigen bereits auf das Nächstkommende ge-
richtet ist. Im malerischen Porträt hat das schweigende Versinken im
Augenblick den vollkommensten Ausdruck gefunden. Das menschliche
Antlitz übt seine Wirkung aus, ohne vorwärts zu schreiten; es ist einfach
da und wirkt gleichsam aus seiner eigenen Tiefe heraus. Es zeigt keinen
Prozeß, sondern entblättert sich dem aufmerksam Betrachtenden: seine
Schichten fallen ab.

Doch nicht nur die bildende Kunst kennt dieses ausschließliche Be-
schäftigen mit dem ohne Aktion sich offenbarenden Physiognomischen.
Man spricht im übertragenen Sinne auch vom literarischen Porträt. Was
in Malerei und Skulptur indessen stummes Bild ist, bedeutet in der Lite-
ratur ein Darlegen der gesamten Zustände der Persönlichkeit. Am ge-
eignetsten hierzu erscheint der extrem introvertierte Typus im Sinne
C. G. Jung's, dessen Leben sich zumeist unter der sichtbaren Ober-
fläche abspielt; er kennt weniger das ihm widerfahrende Abenteuer oder
Schicksal als die innere Wallung und Wollung. Dichterisch gesehen be-
deutet dies: nicht seine bunten, ungewöhnlichen Erlebnisse treten hervor,
sondern seine Persönlichkeit selbst, sein Denken, sein Fühlen, sein
Porträt.

In der literarischen Gattung des Entwicklungs- oder Bildungsromans
wurde das allmähliche Reifen einer Persönlichkeit seit jeher behandelt.
Allerdings spielt in älteren Werken wie Grimmelshausens „Simplicius
Simplicissismus", Flaubert's „Education sentimentale" oder auch Goe-
thes „Wilhelm Meister" die pointierte oder anekdotische Handlung eine
größere Rolle, als sie streng genommen dem literarischen Porträt wesent-
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