Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 36.1942

Page: 79
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1942/0089
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Zur Psychologie und Ästhetik der Reimfindung

Von

Karl von Roretz

Groß ist in der europäischen Dichtung schon seit Jahrhunderten die
Bedeutung des Reimes (als „En dreim"). — Es ist hier nicht zu erörtern,
ob die von den meisten Forschern angenommene Ansicht zutrifft und der
Gebrauch des Reimes (als Endreim) lediglich im europäischen Geistes-
leben selbst seinen Ursprung nahm (vgl. G. Carducci: O felice / Del latin
metro reina..."), oder ob diese literarische Formgebung etwa schon sehr
frühzeitig aus dem nahen Osten (Persien, Arabien) entlehnt worden sein
könnte, wofür auch einiges spricht. — Auch die Frage soll hier nicht ge-
nauer erwogen werden, an was eigentlich die psychologisch-ästhetische
Wirkung des Reimes anfänglich geknüpft war: ob an die naive Freude
an der reinen Wiederholung eines wohlgefälligen Klanges; an seine Funk-
tion als deutlicher Abschluß bestimmter, metrisch geformter Zeilen; an
die Möglichkeit, mit seiner Hilfe gewissen Wörtern ein Übergewicht des
Sinnes und der Bedeutsamkeit zu verleihen u. a. m. Es handelt sich hier
ja vermutlich eher um ein biegsames „sowohl — als auch", denn um ein
plumpes „entweder — oder".

Nur Eines mag hier kurz angedeutet werden, nämlich, daß rein psycho-
genetisch, oder vielleicht noch besser gesagt: phylogenetisch aller Wahr-
scheinlichkeit nach die allerprimitivste Freude am Gleichklang die Ent-
wicklung des Reimes allgemein eingeleitet haben wird. Nach dieser Rich-
tung weisen nämlich mannigfache Erfahrungen auf dem Gebiet der Volks-
poesie, und nicht nur in Europa! Es sei, zur Stütze dieser Behauptung,
hier wenigstens ein Beispiel angeführt, die erste Strophe eines modernen
Kafferngesanges aus Süd-Rhodesia (aufgezeichnet i. J. 1933!). — Dieses
gereimte Scherzlied, das als Thema „Gudo ne numbi dzake" („Des Affen
Kleider") behandelt, setzt (in der Transskription!) folgendermaßen ein:

Te-te-te-tehe te-tekehe

Te-te-te-tehe te-tekehe

Te-te-te-tehe te-tekehe
Zimudzwe chiko ere?

Iya-hija-iya, imi zenyu

Iya-hija-iya, sere enyu? usw.
loading ...