Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

Page: 88
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak19_1925/0095
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
88 F- ADAMA VAN SCHELTEMA.

seiner Werke kennzeichnen. Dies und nur dies, niemals die An-
wendung bestimmter Formkreise ist die Originalität des einzelnen
Schöpferischen, dies die Möglichkeiten des Subjektivismus in
der Architektur.

Den Beweis gibt die vergleichende Kunstgeschichte.

Aussprache:

Hans Cornelius :
Cornelius erwähnt, daß in seiner Jugendzeit die Philosophie bei den Natur-
forschern in Mißkredit stand; es ging in ihr »so fröhlich ins Allgemeine«. Von den
Tatsachen wurde nicht Notiz genommen, die gesicherten Erkenntnisse vernachlässigte
man. So scheint es ihm jetzt in der Ästhetik zu sein: man kümmert sich nicht um
die Tatsachen. Warum wird in der Untersuchung über die Architektur übersehen,
was Adolf Hildebrand von der Daseins- und der Wirkungsform sagt? Beachtete
man es, so würden die Ergebnisse andere und bessere werden.

Schlußwort:

Dagobert Frey: Das Problem von Wirkungs- und Daseinsform wurde von mir
deshalb nicht in Betracht gezogen, weil es ein ästhetisches Prinzip ist, das, wie
auch vom Vorredner hervorgehoben wurde, allen bildenden Künsten zugrunde
liegt. Für mich aber galt es, eine Kategorie zu finden, die die Unterscheidung der
Architektur von den Bildkünsten begründen soll; daher war die Erörterung des Pro-
blems, die Cornelius vermißte, nicht am Platze.

F. Adama van Scheltema:
Ornament und Träger.

Die vorgeschichtlichen Funde in Europa bilden ein völlig vernach-
lässigtes Kapitel der Kunstgeschichte, das für die Ornamentforschung
von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Denn erstens ist der überreiche
Bestand an Denkmälern, der unsere Sammlungen füllt, großenteils
chronologisch zu ordnen, so daß wir imstande sind, die Ausbildung
und Fortentwicklung des ornamentalen Kunstsinns, man kann fast
sagen Schritt für Schritt, durch mehrere Jahrtausende zu beobachten,
etwas was bekanntlich in jenem anderen großen Bezirk primitiver
Ornamentik, in der Kunst der Naturvölker, keineswegs der Fall ist.
Und zweitens unterscheidet sich das alteuropäische, und namentlich
das altnordische Ornament von dem der Naturvölker, des vorgeschicht-
lichen Orients und der historischen Kunstepochen durch seine einzig-
artige Reinheit: es ist rein schmückend, nicht darstellend oder mit-
teilend, rein dekorativ, nicht imitativ, es bezieht sich von Hausaus
ausschließlich auf die Gestalt der verzierten Gegenstände, nicht auf
die Naturformen.

Was das heißt, daß dieses Ornament sich ursprünglich nur auf
die Gestalt der verzierten Gegenstände oder, wie wir sagen, auf die
loading ...