Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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280 FRANZ HILKER.

künstlerisch Naive, das Klassische, Abgeklärte, Homer, »Hermann und
Dorothea«, »Wallenstein«, die »Braut von Messina«, als Klassenlektüre
wählt, während man für das Romantische, Heroische, Nebelhafte, Aben-
teuerliche und Pathetische schwärmt. Walter Schönbrunn hat in einer
kleinen Schrift, »Das Erlebnis der Dichtung in der Schule«1) den Ver-
such gemacht, die jugendliche Lektüre nach psychologischen Gesichts-
punkten aufzubauen und Wege für eine tiefere Erfassung des Kunst-
werkes zu zeigen.

Das Erlebnis der Kunst ist um so stärker, je mehr durch die Pflege
der freien Gestaltung der Boden für die Aufnahme künstlerischer Pro-
duktion vorbereitet ist und je bewußter diese schöpferische Erziehung
fortgesetzt wird. Über das eigene Gestalten führt ein direkter
Weg zum Erfassen des Kunstwerks. Für das Gebiet der bil-
denden Kunst liefert den Beweis wiederum unsere Ausstellung, die
neben der Entwicklung der Phantasie eine zweite Aufgabe des Zeichen-
unterrichts veranschaulicht: die Anleitung zur Kunstbetrachtung. Indem
die Schüler Elemente eines Meisterbildes, Konstruktives, Rhythmisches,
Hell-Dunkelwirkung, Farbigkeit, in eigener Darstellung wiedergeben,
dringen sie in die Wirkungsmöglichkeiten der Kunstmittel, in die Ge-
setzlichkeiten des Kunstwerks und die Geheimnisse des Künstlers ein
und empfangen gleichzeitig für ihr eigenes Schaffen neue Anregungen
sowie technische Übung. So ist die Erfassung künstlerischer Form,
ästhetischer Prinzipien, Resultat der schaffenden Arbeit. Sie steht nicht
am Anfang der Gestaltung nach der ästhetisierenden Art mancher
Kunsterzieher, die von Formvorstellungen, dem Ragenden, Lastenden,
Schwerfälligen, Zierlichen usw., ausgehen, um bestimmte Arten des
Schaffens anzuregen. Auf solche Weise würde die Auffassung des
persönlichen Ausdrucks gehemmt und Unbeständigkeit oder gar Un-
wahrheit der Formgebung hervorgerufen.

Es ist selbstverständlich, daß auch das Wissen um die Kunst,
um ihre Entwicklungen und Zusammenhänge, einem innerlichen Be-
dürfnis der Jugend entspricht und für die Persönlichkeitsbildung von
großer Bedeutung ist; daß ferner die öffentlichen Kunststätten,
Theater, Museen, Konzertsaal, sinnvoll ausgenutzt, ein Wesentliches
zur künstlerischen Erziehung der Jugend beizutragen imstande sind;
aber das Wichtigste und Notwendigste bleibt doch die Pflege der
schöpferischen Eigenkräfte im wachsenden Menschen; denn auf
diese Weise wird der Boden bereitet, aus dem Kunst entspringt und
auf dem Kunst empfangen wird.

Die Begrenzung der Zeit verbietet es, das Gebiet der Beziehungen

') »Lebensschu1e< Heft 2, 2. Aufl., Schwetschke u. Sohn, Berlin 1924.
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