Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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PRINZIPIENFRAGEN DER ETHNOLOGISCHEN KUNSTFORSCHUNG. 355

IV. Wenn wir die Veränderungen in Geschmacks- und Kunst-
richtungen verstehen wollen, so müssen wir zweierlei Faktoren in
Rechnung setzen.

1. Es besteht bei Naturvölkern ein starker Unterschied in der ört-
lichen Beanlagung der Gruppen für künstlerische Betätigung. Man
kann zweifellos von Tanz- und Sängerdörfern, von Malerdörfern reden,
während die Bewohner anderer Siedlungen künstlerisch sehr wenig
begabt sind, dafür aber vielleicht als Kämpfer berühmt. Ahmen die
Letzteren den Ersteren etwas nach, so wird schon innerhalb der Nach-
barschaft sich leicht eine Verschlechterung, ein »Verfall« zeigen. Aber
natürlich vermag man nur zu assimilieren, was »verdaulich«, was »tra-
ditions- und kulturgemäß« ist. Das macht sich namentlich beim Zu-
sammentreffen mit der europäischen Kunst bemerkbar. Für einfache
Flöten- oder Okarinamelodien aus Europa hat man Verständnis und
ist geneigt, sie zu reproduzieren. Dagegen verschließt sich das Inter-
esse ihres Ohrs völlig dem Zusammenwirken eines Orchesters. Ebenso
wird bei Gruppenbildern die aus der Haltung der Personen sich er-
gebende Situation fast nie begriffen. Ganz unverständlich bleiben fast
immer die Stimmungen der Landschaftsbilder (vgl. Thurnwald, Ethno-
psychologische Studien an Südseevölkern, Beiheft 6 der Zeitschr. f.
angew. Psych., 1913).

2. Innerhalb der Kunstbrennpunkte aber entscheidet die Persön-
lichkeit führender Künstler sowohl auf dem Gebiete der bilden-
den Kunst, wie in der Erfindung von Geschichten oder in der Kompo-
sition von Liedern oder Tänzen. Diese treten in Beziehung zur Ge-
samtheit ihrer Gemeinde, die auf Grund ihrer Tradition oder etwa
der Beeinflussung von außen eine Siebung vornimmt, indem sie dem
einen folgt, dem anderen nicht.

Zusammenfassend können wir sagen, daß man jedenfalls bei der
Betrachtung der primitiven Kunst nicht von einer allmählichen Ent-
wicklung reden kann, sondern trachten muß, jedes einzelne Kunst-
gebilde und die Kunst jedes Stammes als das Ergebnis aus der Zu-
sammenwirkung mehrerer und ungleich gewichtiger Faktoren festzu-
stellen. Die Entwirrung der Zahl und Kraft dieser Faktoren macht uns
die Art der Kunstbetätigung verständlicher. Es handelt sich aber nie
um konstante Größen, sondern sie sind stets variabel nach Art und
Tragweite und werden aus dem historischen Schicksal der ein-
zelnen Stämme bestimmt (siehe Thurnwalds Artikel »Handwerk« im
Reallexikon der Vorgeschichte, herausgegeb. von M. Ebert, 1925).

Die Gestaltung und Durchsetzung jeder neuen Kunstrichtung ist
durch dieselben Faktoren gegeben.
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