Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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BEZIEHUNG. NEUER MUSIK ZU EXOTISCH. U. FRÜHMITTELALTERL. TONK. 411

und Möglichkeiten zu neuen, weiteren verlegt und erschöpft wären,
erscheint nicht gut denkbar.

Aussprache.

Heinrich Scholz:
Es fehlt uns bisher ein zuverlässiges Kriterium dafür, wann irgend eine vorge-
gebene Musik geistlich und weltlich zu nennen ist. Die negativen Kriterien des
Herrn Vorredners (Abert) reichen nicht aus; denn es ist nicht möglich, mit ihrer
Hilfe zu entscheiden, ob z. B. das Brahmssche Requiem und die vier ernsten Ge-
sänge von Brahms zur Klasse der geistlichen oder der weltlichen Musikstücke ge-
hören. Die persönliche Bejahung der Religion kann jedenfalls nicht zu den not-
wendigen Bedingungen für die Erzeugung geistlicher Musikstücke gerechnet
werden. Denn Brahms hat zur Religion, wenn ich recht unterrichtet bin, durchaus
nicht in einem positiven Verhältnis gestanden; und doch wissen wir eigentlich durch
ihn, durch den ersten Chorsatz des Requiems, in welchem letzterreichbaren Sinn es
möglich ist, die, die da Leid tragen, selig zu nennen, ohne sie noch schwerer zu
treffen, als sie an sich schon getroffen sind.

Schlußwort

Hermann Abert: Die von Scholz aufgeworfene Frage beantwortet Abert durch
eine spezielle Scheidung des in seinem Referat verwandten Begriffes »geistlich« in
»kirchlich* und »geistlich«. Er versteht dabei unter »kirchlich« alle Melodien aus
dem Schatz der Kirche, z. B. die Liturgie in der katholischen, den Choral in der
protestantischen Kirche, und unter »geistlich« die Musik, die religiöses Gefühl aus-
drückt, ohne in die Kirche hineinzugehören. Hierher rechnet er das Requiem und
die vier ernsten Oesänge von Brahms.

Georg Schünemann:

Beziehungen neuer Musik zu exotischer und
frühmittelalterlicher Tonkunst

Wenn ich von den Beziehungen neuer Musik zu exotischer und
frühmittelalterlicher Tonkunst spreche, so greife ich aus den vielen
Fragen und Problemen, die die heutige Musik stellt, nur ein Teil-
gebiet heraus. Wie in unserm gesamten geistigen und sozialen Leben
die verschiedensten Bewegungen und Entwicklungen sich kreuzen und
wieder binden, so auch in der Musik, die, wie ein Wasserspiegel
vibrierend, auffängt, was unser äußeres und inneres Leben erfüllt. Aus
dem scheinbar zerklüfteten, vielfach wechselnden Bild musikalischer
Strebungen und Richtungen schält sich immer mehr ein fester Kern
heraus: der Wille zum Neuaufbau auf selbstgesichertem Grund und
Boden. Mit einer gewissen Unbilligkeit und Schärfe wird die roman-
tische, ja auch die klassische Kunst kritisiert und, ausgehend vom
Ton, von unserem Verhältnis zum klanglichen Erlebnis, werden alle
Elemente der Tonkunst: von der Verbindung der Töne, der Linie und
Melodie bis zur Harmonik und Form, einem neuen Wollen, einem
neuen Ausdruckswillen unterworfen. Anreger und Schaffende gehen
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