Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

Seite: 399
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Besprechungen.

Emil Utitz, Grundlegung der allgemeinen Kunstwissenschaft. Zwei
Bände. I. Bd. IX u. 308 S. Ferdinand Enke, Stuttgart 1914. II. Bd. X u. 438 S.
1920.
Es ist dem Kundigen längst kein Geheimnis mehr, daß die Ästhetik seit einigen
Jahren von einer Krise durchrüttelt wird, ähnlich jener, die vor sechs Jahrzehnten
oeirn Übergang von der spekulativen zur empirischen Ästhetik eine neue Phase der
Entwicklung der ästhetischen Wissenschaft einleitete. Während es sich jedoch damals
v°n allem Anfang an um eine neue Methode den ästhetischen Problemen gegen-
über handelte, könnte es heute den Anschein haben, als ob eine Frage bloßer Ge-
'etsabgrenzung zur Diskussion stehe — die Frage nämlich, ob die Ästhetik, wie
Sle es bisher getan hat, die Probleme der Kunst in ihr Bereich mit einbeziehen
0urie oder ob diese Probleme einer neuen Wissenschaft, der Kunstwissenschaft, zu-
iiweisen seien. In Wahrheit geht jedoch auch hier der Kampf nicht etwa bloß um
le mehr oder weniger schmerzhafte Loslösung eines neuen Lebewesens von einem
|en, sondern ebenfalls um methodische Fragen: Die einzelnen kunsthistorischen
>szipljnen fühlen sich unbefriedigt von dem, was die Ästhetik ihnen an verwert-
aren Ergebnissen zu bieten vermag, und sie verlangen eine neue Art methodischen
0rgehens gegenüber den Problemen.

Noch deutlicher tritt der methodische Charakter des Kampfes um die Kunst-
'ssenschaft hervor, wenn man sieht, worum sich die Anhänger der Kunstwissenschaft
enn eigentlich bemühen: Die Gebietsabgrenzung gegenüber der Ästhetik macht
"nen in Wahrheit wenig Sorge; wohl aber zerbrechen sie sich die Köpfe darüber
r ohne daß sie bisher zu einer Einhelligkeit gelangten —, wie die neue Kunst-
wissenschaft, die als Postulat von ihnen allen gleichmäßig aufgestellt wird, denn
"l eigentlich vorzugehen habe.

Deshalb kann es denn auch bei dem gegenwärtigen Stand des Problems nicht
0 sehr die Aufgabe sein, die allgemeine Kunstwissenschaft als fertige Wissenschaft
aufzustellen, als den methodischen Grund zu legen; andernfalls würde sie doch
'ederum nichts anderes bedeuten als ein abgesplittertes — und nur mit anderer
"kette versehenes — Stück der Ästhetik. Und so ist denn die Aufgabe, methodisch
le Grundlegung der Kunstwissenschaft zu bearbeiten, in höchstem Maße zeitge-
mäß __ ja mg},,. a]s das> sje ;st notwendig für die Kunstwissenschaft in ihrem jetzigen
Entwicklungsstadium.

Utitz nimmt diese Aufgabe in Angriff — mit einem umfassenden Überblick über

"je ästhetische, kunstwissenschaftliche und kunsthistorische Literatur, mit der Kennt-

nis der Kunst auch in ihren vom Wege abseits liegenden Spielarten, ebenso wie

^it der erkenntnistheoretischen und methodischen Schulung, wie sie den geistigen

achkommen Brentanos eignet.

1. Die erste Aufgabe, die einer methodischen Grundlegung der allgemeinen
Kunstwissenschaft obliegt, ist zu zeigen, daß die Kunstwissenschaft ein eigenes
Gebiet beanspruchen kann, das mit ihren eigenen Mitteln zu bearbeiten die Ästhetik
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