Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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V.

Landschaft und Seele.

Von
Hugo Marcus.

Nächst dem anderen Menschen ist vielen von uns das stärkste
Erlebnis die Landschaft. Es mag dahingestellt bleiben, welches der
Grund für unsere Landschaftsergriffenheit sei. Näherem Hinsehen er-
weist sich jedenfalls das Seltsame, daß Landschaft und Seele einander
ln vielem entsprechen, daß sie sozusagen auf verwandte Weise ange-
'egt sind. Landschaft und Seele sind einander deshalb Spiegelbild.
Insbesondere versinnbildlicht die Landschaft eine Anzahl höchster
Seistiger Erlebnisse, die sonst nur im Abstraktesten liegen, konkret
und gegenständlich.

1.

So lange wir leben, leben wir ununterbrochen. In wie verschiedene
Zustände ein Leben sich auch verwandelt: aussetzen kann es keinen
Augenblick, so lange es währt. Bergson nenntxliesen ununterbrochenen
Lebensstrom den elan vital und kommt von hier aus zu einer neuen
Perspektive des historischen Lebens, in welchem die Vergangenheit
Und die Zukunft unlösbar verwachsen und keine Trennungsstriche
dulden. — Was wir aber Landschaft nennen, ist ja gleichfalls ein
Ununterbrochener, durch keinen Rahmen, durch keine Grenze zäsu-
r'erter Fluß der Bilder, die sich ineinanderschieben und auseinander-
r°Hen, die sich bei jedem Schritt wandeln, Altes mit Neuem, Neues
ttl,t Altem durchwachsen, ohne daß man zu bezeichnen vermag, wo
Und wie der Übergang stattfindet, das Eine beginnt, das Andere auf-
hört. Dem elan vital der Seele entspräche mithin sozusagen ein elan
du Heu der Landschaft. Die Landwirtschaft wird zum räumlichen
Analogon des zeitlich-historischen Ablaufs, hingleitend mit ganz der-
selben Ununterbrechbarkeit.

Das dominierende Gefühl, das die Landschaft mit ihren großen
leiten wachruft, ist die Sehnsucht. Umgekehrt aber ist die Sehn-
Sucht ein Gefühl von transzendierendem Charakter, ein Gefühl, das
an keiner einzelnen Sache Halt macht und Ruhe findet; sondern die
Sehnsucht greift über jedes einzelne Ziel sogleich wieder hinaus. Die
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