Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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BEMERKUNGEN.

511

Zur Lehre vom Ornament.

Von

August Schmarsow.

Die folgenden Bemerkungen beziehen sich auf F. Adama van Schelfemas Bei-
träge in Band XV, 4 dieser Zeitschrift. Wenn sich eine so beneidenswerte Fülle
von Spezialkenntnis der konkreten Erscheinungen wie der geschichtlichen Entwick-
lungsprobleme mit solchem ernsten Streben, die Lehre vom Ornament überhaupt
zu fördern, verbindet wie hier, dann erwacht der Wunsch nach einer Verständigung
auch in dem alten Kunsthistoriker, der diese Fragen gelegentlich einmal behandelt
hat, ohne sich der Forschung als Fachmann auch in Prähistorie widmen zu können,
und er ergreift gern die Gelegenheit, sich noch einmal da zur Sache vernehmen zu
lassen, wo er wenigstens »Anfangsgründe zu jeder Ornamentik« zu bieten gewagt
hat. Die abweichenden Ergebnisse, zu denen die Feststellung des eigenartigen Ver-
hältnisses der Technik und der technischen Formen der nordischen Neolithzeit und
der anschließenden Perioden den holländischen Forscher gelangen ließ, können weder
diesen Wunsch beeinträchtigen, noch die Hoffnung beirren, daß bei so grundsätz-
licher Übereinstimmung im leitenden Prinzip es doch möglich sein müsse, eine ge-
meinsame Klärung der Begriffe zu erzielen und an entscheidenden Punkten sich
über bestimmte Formulierung zu einigen, so daß beides geeignet wäre, der einge-
schlagenen Richtung des neuen Weges zum Siege zu verhelfen. Solange es sich
eben noch darum handelt, die Andersdenkenden zu überzeugen und den gefähr-
lichen »Wechselbalg«, den jene »in die Wiege der neugeborenen Kunst gelegt haben«,
ein für allemal wieder herauszuwerfen, muß auch die Ausdrucksweise sich der
strengsten Besonnenheit befleißigen und auf poetisch ansprechende Bilder und weit
ausgreifende Vergleiche lieber verzichten, wenn sie boshaften Gegnern doch will-
kommene Angriffspunkte bieten und noch ungeübten Freunden der guten'Sache un-
willkommene Mißverständnisse vermitteln könnten. Deshalb mag es erlaubt sein,
auch Bedenken solcher Art nicht zurückzuhalten, sondern den Lesern dieser theo-
retischen Zeitschrift zu erneuter Prüfung zu empfehlen. Dabei dürften sich von
selbst auch methodische Winke für die Forschung mitergeben.

Den Prähistorikern wird vorgeworfen, der Mißerfolg ihrer bisherigen Versuche
rühre wohl daher, daß man sich nie ernstlich Rechenschaft gegeben habe, was denn
Ornament überhaupt eigentlich sei. Das ist für den Verfasser der Anfangsgründe
in dieser Zeitschrift (1910) geradezu eine Aufforderung zum Tanz. Die Antwort,
die im Verfolg der Grundgedanken des Deutschen Gottfried Semper gegeben wird,
lautet bei dem holländischen Gesinnungsgenossen (vgl. 405, 1, und meine Grund-
begriffe der Kunstwissenschaft am Übergang vom Altertum zum Mittelalter 1905,
S. 3): »Ornament ist seinem ursprünglichen Wesen nach eine symbolische Darstel-
lung von den im Träger tätigen Kräften, die zusammen den nützlichen Wert des
Gebrauchsgegenstandes bestimmen und dessen Form diktieren.« Das ist aber eigent-
lich schon eine Übertragung der Semperschen Formel, die sich zunächst auf die
Schmuckformen der Bauglieder in der Architektur bezieht. Diese Bauglieder freilich
stehen selbst wieder in Zusammenhang untereinander, wie Säule und Architrav, und
gehören somit einem größeren Ganzen an, das jedem Teil seine Stelle und damit
seine besondere Funktion anweist, auf daß ihre Kräfte ineinander greifen. Der Ge-
brauchsgegenstand jedoch kann unabhängig für sich dastehen, wie z. B. das Werk
der Keramik, um das es sich zunächst handeln soll; ein Topf ist ein selbständiges.
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