Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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Besprechungen.

Erich Becher, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften.
München und Leipzig, Verlag von Duncker und Humblot, 1921. XII u. 335 S.
Dieses große Werk, das eingehend die Theorie und Einteilung der Realwissen-
schaften untersucht, fällt sowohl seiner Haupttendenz nach in den Interessenkreis
unserer Zeitschrift, als auch durch Behandlung zahlreicher Probleme, die unmittel-
bar kunstwissenschaftliche Forschung berühren. Die allgemeine Kunstwissenschaft
lst fraglos Geistes- und Kulturwissenschaft; darum kann sie nicht unbeteiligt bleiben,
wenn das Wesen jener Wissenszweige in Frage steht. Und Ausführungen (wie
z- B. über das Gesetz in der Geschichte) müssen auch ihre sinngemäße Anwendung
auf das Gebiet der Kunst finden: inwieweit empfangen sie von hier aus Bestätigung,
Und warum ergeben' sich bestimmte Abweichungen? So lädt dieses Buch ein zu
grundsätzlicher Erwägung uud Nachprüfung, und schon deshalb ist es höchst will-
kommen. Aber es regt nicht nur an — das besorgen heute zahlreiche Veröffent-
lichungen — sondern es belehrt wirklich. Klar und schlicht, abhold jeglicher schil-
lernder Geistreichelei, gibt es sich. Das ganze Material wissenschaftlicher Literatur
Wird gebührend berücksichtigt (fast jede Seite zeigt einige Anmerkungen); vor-
handene Lehren erfahren umfassende Aussprache; wo neue auftreten, geschieht es
nicht ohne sichernde und tunlichst alle Möglichkeiten abschätzende Begründung.
AH dies ist nicht modern. Der Kunstphilosoph liebt in unseren Tagen mehr den
rauschenden Höhenflug; er hat Angst vor dem. Pedantischen, Spießbürgerlichen.
Aber jenes Tempo und diese Angst verlieren häufig den gesunden, zuverlässigen
Boden der Wissenschaft. Und den verliert eben Erich Becher niemals. Eine schier
Unendliche Arbeit steckt in diesem Werk, und eine ruhige Besonnenheit. Darum kann
jeder — welcher philosophischen Richtung er auch angehören mag — hier viel
»lernen« (im buchstäblichen Sinne des Wortes); und darum kann dieses Buch Grund-
'age gedeihlicher Erörterung werden. Man streitet nicht im Nebel; das Feld ist
deutlich übersehbar. Interpretationsschwierigkeiten bestehen nicht. Gewiß hat man
bisweilen das peinigende Gefühl — das Erich Becher sicherlich auch kennt — daß
jenseits der sauber sezierten Probleme andere liegen, die nicht bereinigt sind; und
man wittert Tiefen und Gefahren, dunkle Abenteuer des Geistes. Aber Becher ist
kein Abenteurer; das strenge Verlangen nach faßbarer Exaktheit unterdrückt solche
schweifende Gelüste. Doch benötigt die Wissenschaft zu ihrem Fortschritt beides:
iene tollkühne Verwegenheit und diese geläuterte Nüchternheit. Man applaudiert
heute zu einseitig der ersteren und man verkennt hierbei den geistigen Adel des
^weiten Typus und seine Bedeutung. Es ist keineswegs so, daß er bloß sammelt
und ordnet; nein: er sichtet, prüft und sichert. Sein sind die Früchte der Ernte,,
Wenn auch nicht der Sturmwind des Frühlings. Unerläßlich erscheinen beide, und
zwecklos das Unterfangen, sie gegeneinander auszuspielen. Das Sensationelle
blendet, der Zauber lockender Geheimnisse verführt. Bei Becher ist keine Blendung
und keine Verführung: aber solide und gediegene Qualitätsarbeit. Der »Werkbund«
verlangt sie; jedoch auch keine Philosophie vermag sich dauernd zu behaupten der
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