Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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XII.

Die reine Form in der Ornamentik aller Künste.

Von

August Schmarsow und Fritz Ehlotzky.

Ornamentik ist eine gemeinsame Vorstufe aller freien Künste.
Sie ist selbst noch keine Kunst im höchsten Sinne, denn sie stellt
keine Werte dar, sondern begleitet diese nur hervorhebend, vermittelnd,
umspielt sie mit ihren Reizen, um die Aufmerksamkeit anzuziehen und
zum Verweilen einzuladen, auch einmal zu nötigen, oder hilft sie gar
selbst einkleiden, in die rechte Form bringen, die solchem Wert erst
die leichte Aufnahme sichert, die gangbaren Wege bereitet, die mensch-
liche Empfänglichkeit eröffnet und erobert. Jedes Ornament ist eine
Wertbezeichnung. Und so sind die Gesetze der Ornamentik allen
Künsten gemeinsam, gehen durch alle gleichermaßen hindurch, und
zwar durch die zeitlichen: Musik, Mimik und Poesie ebenso, wie durch
die räumlichen: Architektur, Plastik und Malerei. Daß sie in den Vor-
stufen dieses hohen Kunstreiches ihre Heimat haben, also in Kunst-
handwerk und vorkünstlerischen Übungen menschlichen Ausdrucks-
lebens ihren Ursprung nehmen, versteht sich danach von selbst. Es
ist das Land der reinen Form, das wir damit betreten. Oder müssen
wir es wirklich erst suchen heutzutage? Das Bewußtsein dieser Ge-
meinschaft der Grundlage alles schöpferischen Gebarens scheint in
der Tat auf manchem Sondergebiet verdunkelt zu sein, und die Be-
hauptung gleichartiger Formgesetze stößt auf Befremden, auf Zweifel,
wohl gar auf Spott und Absage. Doch solcher Widerstand spät-
geborener Epigonengeschlechter darf uns nicht beirren, wenn wir, aus
voller Selbsterfahrung solcher Gemeinschaft aller Künste heraus, die
Pflicht auf uns nehmen dafür zu zeugen.

Vorspiel: Die alkäische Strophe.
Nur dürfte es ratsam sein, bei dem Bestreben gegenseitiger Erhellung der An-
fangsgründe von dem bekanntesten Gebiet auszugehen, das heißt unzweifelhaft heute:
dem der Poesie. Die Verslehre oder Metrik wird in allen Schulen zu Hilfe genommen,
um das Verständnis heimischer oder fremdländischer Dichtung zu erschließen. Von
der Poetik aus lernt man am ehesten sich selber darin versuchen. Doch brauchen
wir als Beispiel für unsere Zwecke zunächst einmal ein besonders strenges, in sich
geschlossenes Gefüge. Deshalb allein greifen wir zur antiken Metrik zurück mit
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