Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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IV.

M i gn o n.

Untersuchungen über die Struktur eines
Goetheschen Gedichtes und seiner Kompositionen.

Von

Annemarie Koehler-Deditius.

Die Frage nach der Verbindung von Poesie und Musik in der
Komposition eines Textes ist in letzter Zeit häufig als Grundlage für
die Deutung des musikalischen Ausdrucks überhaupt angesehen worden.
So versuchen z. B. Schweitzer1) und Pirro2) von der Vokalmusik
Bachs aus seine Instrumentalmusik zu deuten, und so sieht Paul Mies
,n einem Aufsatz über Herders Edvardballade bei Johannes Brahms3)
seine Aufgabe darin, beim Strophenlied aus dem Verhältnis des wechseln-
den Textes zur gleichbleibenden Melodie') und bei verschiedenen
Kompositionen desselben Textes aus dessen verschiedenen Auffassungen
"Wichtige Anhaltspunkte über die Bedeutung der musikalischen Aus-
drucksformen für die Affekte« zu gewinnen. In einer neueren Arbeit
a"erdings B), die mir erst nach Abschluß meines Versuchs bekannt wurde,
^ellt er die Erkenntnis der »Beziehung des Komponisten zum Text-
dichter« in den Vordergrund. Diese Beziehungen nun stehen auch im
Mittelpunkt der folgenden Untersuchung, aber sie betont das Ausgehen
Von der Dichtung in ihrer ganzen Fülle und selbständigen Bedeutung
noch mehr, als dies auch in Mies' letzter Abhandlung der Fall ist. Der
Grund hierfür liegt neben der Tatsache, daß ich von der Literatur her
auf die Fragen der Verbindung von Poesie und Musik gekommen bin,
■n folgenden Erwägungen.

Ein komponiertes Gedicht als Lied ist für die ästhetische Besinnung
e,n außerordentlich verwickelter Fall. Schon die Tatsache, daß ein in
den meisten Fällen von zwei Menschen hervorgebrachtes Kunstwerk

') Albert Schweitzer, J. S. Bach, Leipzig 1915.

2) Andre Pirro, L'Esthetique de J. S. Bach, Paris 1907.

3) Zeitschr. f. Musikwissenschaft II, S. 225 ff.

•) Mit Hinweis auf A. Heuß, Haydns Kaiserhymne, Zeitschr. f. Musikwissen-
schaft I, S. 5 ff.

5) Eine vergleichende Analyse Bd. XVI dieser Zeitschrift.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVI. 10
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