Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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III.
Wilhelm Meisters Lehrjahre und Jean Pauls Titan.

Von
Lucie Stern.

1. Kapitel: Titan und Wilhelm Meister als Bildungsromane.

Man kann den Wilhelm Meister und den Titan beide als Bildungs-
romane bezeichnen, insofern in diesen Werken das Reifwerden eines
jungen Menschen geschildert wird, der nach vielen Irrungen sein Ziel
und seinen Beruf findet. Jedoch kommt dem Titan die Bezeichnung
»Bildungsroman« nicht in demselben Maße zu wie dem Wilhelm
Meister. Der Goethesche Roman ist »Bildungsroman« nach Form
und Inhalt: der Titel »Wilhelm Meisters Lehrjahre« bezeichnet nicht
nur den Gang der Handlung, sondern Wilhelms Lehrjahre machen
auch das eigentliche Problem des Romanes aus. Demgegenüber er-
scheint der Titan als Bildungsroman im wesentlichen nur der Form
nach: am Bildungsgange Albanos reiht sich die Handlung auf, doch
dieser Bildungsgang bildet nicht das Zentralproblem des Romans wie
der Wilhelms im Meister, sondern, wie schon der Titel sagt, ist hier
der titanische Mensch der Gegenstand. Nur im Zusammenhang mit
diesem Hauptproblem hat der Bildungsfaktor im Titan seine Stelle:
der Selbstzerstörung der titanischen Naturen wird die Heranbildung
des harmonischen Menschen gegenübergestellt, dem es gelingt, den
Zeitgeist, den Titanismus, der auch in seinem Blute liegt, zu über-
winden. Das Bildungsproblem hat also im Titan eine andere Bedeu-
tung und Stellung innerhalb des Romans, und außerdem unter-
scheidet es sich auch seinem Inhalt nach wesentlich von dem Bil-
dungsgedanken im Meister. Erstens handelt es sich für Goethe um
d'e Bildung überhaupt, für Jean Paul um die Bildung des
Genies. Darin unterscheidet sich der Titan nicht von den beiden
früheren Bildungsromanen Jean Pauls, der Unsichtbaren Loge und dem
Hesperus, bei denen es sich ebenfalls um die Bildung des genialen
Menschen handelt; doch ist das Genie, wie auch sein Bildungs-
drang und -ziel weiter, allgemeiner und zugleich bestimmter als in
den früheren Werken, bei denen es auf den künstlerisch empfin-
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