Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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34 GEORG KLATT. ÜBER LANDSCHAFTSSCHILDERUNG.

Vielleicht wird des Rätsels Lösung sein, daß — dieses Rätsel
überhaupt nicht gelöst werden kann. Wir werden die Oberflächlichen
sagen lassen: So ist es und nicht anders, und werden uns für unser
Teil an der Gegensätzlichkeit (Polarität) freuen, innerhalb deren wir
uns je nach der Stimmung unseres Erlebens freibeschwingt bewegen,
ohne es nötig zu haben, uns auf einem festen Punkte niederzulassen.
Es ist wie der Goethesche Rhythmus von Systole und Diastole, wie
ein Wechsel zentrifugaler und zentripetaler Kräfte. Das eine Mal wird
uns also unsere Ehrfurcht der Natur zu Füßen werfen, voll Demut
werden wir stammeln: Du Herrliche, lass' uns deine frommen Priester,
lass' uns dein Mundstück sein, ein andermal werden wir uns als die
gebietenden Herren fühlen, als die Schöpfer, denen die Natur nichts
ist als der Stoff, in dem wir arbeiten.

Wir würden uns nicht scheuen, bei der Anschauung der Gegen-
sätzlichkeit stehen zu bleiben. Es wäre das ja nicht der einzige Fall,
wo unser tiefstes Fragen auf eine solche Gegensätzlichkeit als auf ein
Letztes stößt. Dennoch dürfte es uns vielleicht gelingen, diesen Stand-
punkt zu überwinden.

Wenn der Mensch sich ganz der Natur hingibt, ganz mit ihr eins
zu werden trachtet, ist es dann letzten Endes noch recht, von einem
Gegensatze zwischen Mensch und Natur zu reden? Ist, was in
unserem Herzen schlägt und was da draußen im All lebt
und webt, nicht im letzten Grunde ein und dasselbe?

Es ist mir wohl bewußt, daß das keine ästhetische Betrachtungs-
weise ist. Wir enden hier in einer Anschauung, die nichts anderes
als eine Art Mystik ist, aber können wir anders, wo wir den letzten,
großen Geheimnissen gegenüberstehen?
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