Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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VI.

Stilisierungen im Gebiete der Tonkunst.

Von

Josef G. Daninger.

Untersuchungen über Stilisierungen stehen in engem Zusammen-
hang mit der Frage der Naturnachahmung. Wir sprechen von einem
stilisierten Blatt und denken dabei an eine Wiedergabe eines Blattes,
bei welcher wir betonen wollen, daß diese Wiedergabe nicht ein
getreues Abbild des in der Natur gegebenen Blattes darstellt. Wenn
Wir auch die Möglichkeit einer objektiven Nachahmung der Natur
überhaupt ablehnen1), so denken wir doch mit dem Begriffe Stilisie-
rung solche Veränderungen an einem in der Natur Gegebenen, die
sich meist schon dem ästhetisch weniger Gebildeten aufdrängen. Es
handelt sich hier um bewußte Veränderungen, um solche, welche
*eigen, daß der Künstler das in der Natur Gegebene so, wie es in
der Natur ist, nicht nur nicht wiedergeben konnte, sondern gar nicht
wiedergeben wollte.

Die bewußten Veränderungen werden zunächst bestimmt durch
das Material, in welchem nachgebildet wird, ferner durch den Zweck,
dem die Stilisierung dienen soll. Der Maler wird beispielsweise beim
Schaffen eines bandartigen Pflanzenornamentes an der zugrunde gelegten
Pflanze andere Veränderungen vornehmen als bei Herstellung eines
lri sich geschlossenen, sternartigen Ornamentes (Begriff des Zweck-
Stiles). Wichtig ist ferner die persönliche Eigenart des Künstlers,
Welche sich äußert in der Auswahl derjenigen Elemente, die er in
seine Arbeit hinübernimmt und daselbst stärker hervorhebt, gegenüber
solchen Elementen, welche er mehr zurücksetzt oder von denen er
ganz absieht.

Im folgenden soll aus dem Gebiete der Tonkunst ein kleiner Bei-
trag zur Stilisierungsfrage geboten werden. Wenn Stilisierungen in
eiger Beziehung zur Naturnachahmung stehen, so ergibt sich für die
'onkunst eine Schwierigkeit daraus, daß diese Kunst überhaupt nicht
Zu den nachahmenden Künsten zählt. Man vergegenwärtige sich die

') Vgl. Konrad Lange, Das Wesen der Kunst, Berlin 1907, S. 342.

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