Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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BEMERKUNGEN. 85

Durch eine solche Definition wird freilich der Begriff des »Kunstwerkes« auf
eine überaus hohe Stufe gehoben und die.Kunstanschauung unmittelbar zur Welt-
anschauung ausgeweitet; wie diese beru htsie auf freier Phantasieschöpfung,
auf Fiktion — wie diese begreift sie aber auch die höchsten geistigen Werte der
Menschheit. Wer ein Schlagwort braucht, mag eine solche, die Kunst vorwiegend
als Ausdruck betrachtende Auffassung im Gegensatz zu K. Langes ganz auf dem
Eindruck beruhender »Illusionstheorie« und im Anschluß an Vaihinger etwa die
»Fiktionstheorie« der Kunst nennen, wobei auf die notwendige Rechtfertigung
der Fiktion durch ihren bereichernden inneren Wert besonderer Nachdruck zu legen
wäre.

Das Problem der Form in neuer Beleuchtung.

Von

Oskar Wulff.

Seit Hildebrands »Problem der Form« ist zu der von ihm aufgeworfenen Frage
nach dem Gestaltungsgesetz der Plastik kaum ein Beitrag erschienen, der sie mit
so sicherem und reifem Urteil einer klaren Entscheidung nahe bringt wie das schon
v°r zwei Jahren veröffentlichte Buch') des Direktors der Magdeburger Kunstge-
werbeschule. Die Kunstwissenschaft darf nicht länger säumen, sich mit ihm ein-
gehend auseinanderzusetzen. Hier spricht wiederum ein schaffender Künstler aus
seiner gesamten inneren Erfahrung heraus, zugleich aber mit voller Beherrschung
ter neueren kunstwissenschaftlichen Literatur.

Im dritten, wichtigsten Kapitel, in dem der Ausgangspunkt der theoretischen
./Bestellung liegt, wird Hildebrands Lehre der Anschauungsweise Rodins gegen-
übergestellt. In den Werken des Letztgenannten sieht der Verfasser den schlagen-
en Gegenbeweis gegen die Allgemeingültigkeit des vermeintlichen plastischen Grund-
gesetzes der Reliefvorstellung. Nach diesem hätte jedes Gebilde der Plastik die
Ansichtsforderung zu erfüllen, daß es sich nämlich dem Auge in einheitlichem
acheneindruck, dem sogenannten Fernbilde, darstellen soll, »um dem Kubischen
as Quälende zu nehmen«. Bosselt weist zunächst nach, daß Hildebrands Voraus-
setzung, die Plastik sei eine (von der Zeichnung) »abgeleitete Kunst«, ebensowenig
^trifft, Wje dje von einzeinen Forschern vertretene entgegengesetzte Annahme,
■elmehr scheidet sich von der eigentlich zeichnerischen Begabung, die Dinge gleich-
em auf eine Fläche projiziert zu sehen, eine von ihr grundverschiedene Fähigkeit,
le sie »kubisch erfaßt und auch so wiedergibt, ohne daß die Zeichnung dabei
"berhaupt hineinspricht«. Sie besteht im Wissen vom Verlauf der begrenzenden
berflachen des Gegenstandes und wird durch das wiederholte sehende — ich
m°chte das stärker als Bosselt betonen — Abtasten der Dinge, und zwar, was er
™c« ausspricht, in der Vorstellungsbildung des frühesten Lebensalters gewonnen.
ie Veranlagung, solche Formvorstellungen von besonderer Klarheit und Deutlich-
teit bilden zu können, macht nun zweifellos den Kern der plastischen Begabung
aus- Wenn freilich der Verfasser glaubt, daß die meisten Menschen nur Einzel-
ansichten von den Dingen aus der Wirklichkeit aufnehmen und damit zur räum-

') Rudolf Bosselt, Probleme plastischer Kunst und des Kunstunterrichts. Magde-
burg 1919, Karl Peters Verlag. 198 S. mit 139 Abbildungen.
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