Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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g8 BEMERKUNGEN.

eine Fülle von Gestaliungsmöglichkeiten besteht, die sich untereinander teilweise aus-
schließen und dadurch den Glauben an ihre Unerschöpflichkeit rechtfertigen. Gäbe
es diese in der sich gleichbleibenden menschlichen Kunstbegabung wurzelnden Ge-
setzlichkeiten nicht, so könnte es auch keinen von der herrschenden Weltanschauung
unabhängigen Wert des Kunstwerks geben, wie ihn Bosselt doch anerkennt. Zu-
stimmung oder Ablehnung der Zeitgenossen sind ihm kein Beweis desselben. Nur
aus dem Vertrauen auf seinen inneren Schaffensdrang zieht der Künstler seine Kraft.
So schafft er als Einsamer seine Welt, unbekümmert, ob der Tag, an dem das Werk
in hellem Lichte stehen wird, in die kurze Lebensspanne dessen fällt, der es schuf.
Ein Ausgereifter spricht auf jeder Seite des Buches zu uns und in einer Sprache
von so durchsichtiger Klarheit des Gedankenganges, daß es der Wissenschaft un-
gleich leichter wird, sich mit ihm zu verständigen, als seinerzeit Hildebrands »Problem
der Form« von ihr verstanden und zuerst von Schmarsow in seiner befruchtenden,
aber auch bedingten Bedeutung gewürdigt werden konnte. Man kann sie wohl als
mustergültiges neues Deutsch hinstellen, wenn man einzelne der heute beliebten
kleinen Kraftüberspannungen der Sprachmittel, wie die Steigerung des Wortes »un-
möglich« und die etwas reichlich gesäten zeitwortlosen Sätze in Kauf nimmt.

Musikalische Verwandtschaft und Vertreterschaft.

Von

Paul Carriere.

Unser natürliches musikalisches Empfinden sucht die Töne in Zusammenklang
und Bewegung wenigen Haupttönen unterzuordnen und diese Haupttöne, Grund-
töne, selbst und ihre Akkorde auf ein gemeinsames Fundament, die jeweilige Tonika,
zu beziehen. Dieses allgemeine Prinzip der Tonalität birgt eine Reihe von Sonder-
prinzipien in sich, durch die es sich verwirklicht. Die beiden stärksten Sonderprinzipien
sind das der tonalen Verwandtschaft und das der Klanggemeinschaft, dies ein Prinzip
der Beharrung, jenes der Bewegung. Als einfache Empfindungstatsachen, an ein-
fachen Tonfolgen erfahren, bilden sie die Basis zur Erklärung komplizierteren Ge-
schehens. Ihre Eigenart und Wirksamkeit zu erkennen, stellt also die erste Aufgabe
der Musiktheorie dar. Es sei hier versucht, ihr wenigstens in großen Zügen gerecht
zu werden.

In allem musikalischen Geschehen spielt die reine Quinte als konstruktiver Faktor
eine Hauptrolle. Sie ist es, die dem Dreiklang seinen festen, geschlossenen Charakter
gibt, die als starres Klammerintervall den Grundton erst zum wirklichen Akkord-
grundton, zur Funklionsbasis prägt; von den Dreiklangstönen aus regelt sie als
Intervalleinheit, als Schrittmaß, die Entfernung der Zwischentöne und schafft so die
diatonische Skala. Durch ihre konstruktive Kraft steht die 5 dauernd in einem Span-
nungsverhältnis zum Grundton; daraus entspringt die natürliche Bewegungstendenz
des Grundtons zur 5, der 5 zum Grundton, dieser will sich in jene wandeln oder
zu ihr hinschreiten und umgekehrt. Die natürlichen Grundtonschritte sind also die
zur Quinte nach oben und unten oder zur IV. und V. Stufe (Dominanten). Diese
stehen der I. Stufe (Tonika) bewegungsgemäß am nächsten, bilden mit ihr zusammen
als Funktionen die Tonart im engeren Sinne und erscheinen, selbständig gedacht,
als Tonika der verwandten Tonarten. Verwandtschaft ist also hiernach das Ver-
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