Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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Ästhetische Sondernormen der Kunst.

Von
Jose Jordan de Urries y Azara.

Mit wenigen Ausnahmen anerkennen alle modernen Ästhetiker den
normativen Charakter der Ästhetik. Man erinnert sich, wie Volkelt
dem beschreibenden Teil seines Werkes einen prinzipiellen folgen läßt,
worin er seine vier bekannten Normen aufstellt. Diese Normen haben
andere auf eine geringere Zahl herabsetzen zu können geglaubt. Natür-
lich müssen solche ästhetische Normen einen zweifachen Charakter
besitzen entsprechend dem zweifachen Gesichtspunkt des ästhetischen
Zustandes und des ästhetischen Gegenstandes. Somit kommt jede
Norm auf zweierlei Weise zur Auswirkung: nämlich subjektiv-psycho-
logisch und objektiv-gegenständlich.

Kunst ist Schönheit. Mithin ist Kunstbetrachtung ästhetische Be-
trachtung und das Kunstwerk ein ästhetischer Gegenstand. Auch gelten
für die Kunst die allgemeinen ästhetischen Normen sowohl in subjek-
tiver, zuständlicher als in objektiver, gegenständlicher Richtung. Aber
künstlerische Schönheit ist deshalb noch nicht gleichbedeutend mit
Schönheit schlechthin; sondern die künstlerische Schönheit besitzt ihren
besonderen Charakter. Sie enthält nämlich noch etwas anderes als
nur diejenigen Momente, die jeder ästhetische Gegenstand irgendwelcher
Art aufweist. Und Aufgabe der vorliegenden Abhandlung soll es nun
sein, eben diese speziellen kunstästhetischen Momente herauszustellen.

Zum Zwecke der Eingrenzung dieses Problems ist es jedoch er-
forderlich, einige Vorbetrachtungen anzustellen. In erster Linie dürfen
die hier gesuchten Normen der schönen Künste nicht rein praktischer
Natur sein, so daß sie bloß auf die nützlichen Künste beschränkt
blieben. Vielmehr müssen den praktischen Normen die allgemein-
ästhetischen voranstehen, Normen also, die auf den Gebieten reiner
Nützlichkeit überhaupt fehlen. Ferner können sich die gesuchten künst-
lerischen Normen in keiner Weise von bestimmten Stoffgebieten her-
leiten, auch wenn diese Stoffgebiete der natürlichen Schönheit unzu-
gänglich sind und nur in der Kunst ihren Ausdruck zu finden ver-
mögen. Man denke an ästhetische, soziale, religiöse Stoffe. Dies ist
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