Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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222 BEMERKUNGEN.

Die Reihe dieser Begriffe ergibt mir die Reihe der geschichtlichen Kunstwollen
gewissermaßen in kristallinischem Zustand, gewonnen aus der Reihe der historischen
Kunstwerke.

So scheint erst die Kunstgeschichte nicht mehr und nicht weniger zu erfüllen,
als was zu erfüllen sie imstande ist. So erst wird sie kein wertloses Anhängsel
unsinnlicher Begriffsspekulationen, und ihre Resultate haben so trotzdem objek-
tiven Wert. So wird sich auch bei intensiverer Zusammenfassung der Resultate
ein Überblick gewinnen lassen, der lebendig aus der Eigenart der Kunstgeschichte
geboren, notwendig ein ganz anderes Bild gewähren wird, als der einer a priori
notwendigen Konstruktion, die mit dem eigentlichen Wesen der Kunstgeschichte
gar nichts zu tun hat. Dies neue Bild soll uns etwas Neues lehren, nicht etwas
scheinbar längst sogar als notwendig Bekanntes bestätigen.

Auf die weiteren Folgen dieser hier vorgeschlagenen Betrachtungsweise für die
Kunstwissenschaft soll an anderer Stelle eingegangen werden.

Als in den Rahmen dieses Themas gehörig, sei an den Schluß folgende Defi-
nition des Kunstwollens gesetzt:

Das Kunstwollen theoretisch gefaßt, ist eine formale zeitlose Begriffs-
definition der allgemeinen Ästhetik, die ohne Inhalt ist.

Das Kunstwollen als Gegenwartserscheinung ist ein nur gefühls-
mäßig erfaßbarer Trieb.

Das Kunstwollen historisch gefaßt, ist die Reihe der Kunstwerke selbst,
erfaßt mit den Begriffen der Gegenwart.

Die ästhetische Bestimmung als absolute Wesensbestimmung«

Von

Kurt von Francois.

In der Welt, wie sie in den Bedingungen von Zeit, Raum und Kausalität er-
scheint, ist der Mensch nicht nur als ein einzelnes Glied mit den übrigen
Dingen in jenen Daseinsformen verkettet, sondern er ist auch kraft der natürlichen
Organisation seiner Seele, kraft eines hier begründeten und schließlich jedem be-
seelten Wesen eingeborenen Naturrechtes das absoluteMaß der Dinge, d. h. er
wird notwendig seine eigene Wesensart als die den verschiedenartigsten Erschei-
nungen gegenüber immer gleiche absolut gültige Norm anlegen. Und wenn die
Transzendentallehre besagt, daß der Mensch selbst der Schöpfer der Erscheinungswelt
ist, da ja in seiner Subjektivität die Dinge doch erst Dasein und Gestalt gewinnen, aber
ohne diese schöpferische Subjektivität die ganze Welt im Nichts verborgen bliebe, so
bietet auch gerade dieser spekulative Gedanke dem Psychologen die Handhabe für
die Erklärung der Tatsache, daß der Mensch das Recht, die Realität seines Ichs
als die gesetzmäßige Basis aller übrigen Realität zu nehmen, für sich in Anspruch
nimmt, und daß ihm keine Philosophie der Welt diesen vor und unabhängig von
aller Reflexion und Spekulation eingewurzelten Anspruch wegdisputieren kann und darf.

Mit der Anerkennung der in diesem ganz simplen psychologischen Sinne ge-
nommenen Wahrheit: der Mensch ist das Maß der Dinge, ist aber die Frage nach
der Möglichkeit und Form einer subjektiv gültigen absoluten Wesensbewußtheit
keineswegs erledigt. Sondern gerade hier knüpft eines der tiefsten und wichtigsten,
wie der dunkelsten Probleme der Psychologie an: das ästhetische Problem.

Um nämlich über die intellektuelle Auffassung der bloßen Relationen der
Dinge zueinander wie auch über die gefühlsmäßige Auffassung der bloßen Wirkung
der Dinge auf das Ich und seinen Willen hinauszugelangen und das Ding als ein
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