Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

Seite: 154
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154 HANS PRINZHORN.

Hans Prinzhorn:
Der künstlerische Gestaltungsvorgang in psychiatrischer

Beleuchtung.

Wer als Laie jemals versucht hat, aus der psychopathologischen
Literatur zu schöpfen, wird sich der seltsam aufregenden Mischung
von Grauen und Neugier erinnern, worein er verstrickt wurde, wenn
er einen verehrten schöpferischen Menschen als »Fall« den Unter-
suchungsmethoden und Beurteilungsmaßstäben des psychiatrischen Fach-
mannes ausgeliefert fand. Es erging ihm ganz so wie jemandem, der
uns Ärzten einen Angehörigen in die Heilanstalt bringt. Und man
wird in der Tat den Höhepunkt einer tragisch-grotesken Situation in
dem Augenblick sehen müssen, wo etwa der Dichterweise Zarathustras
zwecks Anfertigung eines Krankenblattes von einem Seelenfachmann
»exploriert« wird. Wohl ihm, wenn er in der Welt seines Patienten
nicht wurzelt — er müßte vor quälender Scham seine Berufssicherheit
in den Grundfesten wanken fühlen. Diese Situation kann nur der kühle
Arzt äußerlich lösen durch Diagnose und Verordnung. Die seelische
Situation hingegen bleibt wie ein grauenvolles Welträtsel, das der tiefer
blickende Seelenforscher immer wieder umkreisen muß, um es viel-
leicht verständlicher zu machen — um wenigstens andere verwandte
Tatsachen zur Erklärung heranzuziehen; die wahnsinnige Tatsache
eines wahnsinnigen Genies ihres unfaßbaren Unsinns zu berauben;
durch Sinnsetzung den Alpdruck zu lösen und damit das Problem ins
Metaphysische zu rücken. Denn nur an dieser Stelle wird ihm die
gebührende Würde zuteil. Dieser beiden Verankerungen des Problems
sollte eingedenk sein, wer sich damit einläßt: stets handelt es sich um
ein schicksalhaftes Unterliegen schöpferischer Menschen und den Sieg
einer brutalen Naturgewalt über die ringende Kreatur — und stets
erhebt sich die metaphysische Frage nach dem inneren Zusammen-
hang dieses Zerstörungsvorgangs mit dem Gestaltungsvorgang. Behält
man diese Richtpunkte im Auge, so stellt sich von selbst die Behut-
samkeit ein, die in der Behandlung solcher subtiler Fragen unerläßlich
ist, und man darf sicher sein, ohne Gewaltsamkeit wertvolle Erkenntnis
zutage zu fördern.

Jedermann weiß, daß in dieser Beziehung reichlich peinliche und
plumpe Mißgriffe verübt worden sind. Die Folge davon war das
Mißtrauen oder die offene Feindseligkeit gerade kulturell hoch-
stehender Menschen gegen die psychopathologische Betrachtungs-
weise überhaupt. Hier hat besonnene Forschung manches wieder gut
zu machen. Dazu soll dieser Bericht beitragen. Ich möchte unter der
Fülle des vorliegenden literarischen Materials sichten, dann aber nicht
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