Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 36.1911

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DAS BILDNIS DES HERAKLIT

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Verbindung mit Gewand und Stütze bleiben konnte. Allein
ich glaube, man muss die Erklärung in anderer Richtung
suchen. Diels fragt mit Recht, warum Heraklit überhaupt
die Keule führe. Am wahrscheinlichsten ist noch die Vermu-
tung, dass sie ihm wegen des an Herakles anklingenden
Namens, vielleicht daneben auch wegen seiner 'wie Keulen-
schläge' wirkenden Sentenzen gegeben sei. Allein so gut eine
derartige Anspielung in der Entstehungszeit der Münzen
verständlich ist, so schwer wäre sie in der Zeit des Originals,
das man doch nicht über das vierte Jahrhundert hinabrücken
kann, zu erklären. Wohl aber wäre es zu verstehen, wenn
man in späterer Zeit einen einfachen Stab des Originals irr-
tümlich als Keule aufgefasst hätte. Eine Parallele bietet da-
für Asklepios, der in älteren Darstellungen den einfachen
Knotenstock des Wanderers ^ trägt; später hat man diesem
eine besondere Bedeutung zugeschrieben und ihn demgemäss
ebenfalls keulenartig gebildet. So ist es wahrscheinlicher, dass
die Statue von Gortyn noch die ursprüngliche Haltung des
Stabes zeigt, während allerdings schon die dem Zweck des
Wanderstabes widersprechende Verdickung des unteren En-
des damit verbunden ist. Die gleiche Haltung kehrt bei
sicheren Knotenstöcken wieder; das beste Beispiel ist der
'Homer' in Neapel % wo das nicht verdickte untere Ende des
Stabes antik ist; die Hand ist mit Sicherheit ergänzt; sie
entspricht vollkommen der des Heraklit von Gortyn. Bei der
Nachbildung auf den Münzen wäre aber infolge der gerin-
gen Grösse des Bildes die aufgestützte Keule schwer als sol-
che verständlich gewesen; darum hat man sie dem Philoso-
phen attributartig in den Arm gelegt.
Die Entstehungszeit des Originals genauer festzulegen
ist leider wegen der geringen Arbeit der Statue von Gortyn,
die nach der Augenbildung etwa um 200 n. Chr. ausgeführt
ist, nicht möglich. Immerhin haben wir einige Anhalts-
punkte. Mariani hat bemerkt, dass die Gewandanordnung
übereinstimmt mit der des Asklepios der Uffizien, den Furt-

' Man vergleiche die Votivreliefs.
' Guida Ruesch t)47; Arndt-Bruckmann 572.
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