Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 36.1911

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A. SCHOBER

Man ersieht aus den Maassen des Längs- und Querschnit-
tes, dass sich der Schädel der Rundform nähert. Die Schei-
tellinie beschreibt eine Kurve, deren höchster Punkt unge-
fähr in der Mitte liegt. Mit dem schwachen Ausladen des
Schädels nach hinten hängt die nur geringe Einziehung im
Nacken zusammen. So kommt das Grundschema des Kopfes,
da auch die Nase die Profillinie des Gesichtes wenig durch-
bricht, fast einem Quadrate nahe. Das Oval des Gesichtsum-
risses erhält durch die kräftige Betonung des Untergesichtes
und durch die Einziehung der Stirn an den Schläfen eine
schöne, regelmässige Form, die durch die knappe Behand-
lung des Fleisches, die bewusste Betonung der die Knochen
umspannenden Muskeln gehoben wird. Das wirkt besonders
erfreulich an der oberen Wangenpartie (Jochbein) und dem
stark ausgeprägten Unterkiefer, während der untere Teil der
weniger gut modellierten Stirn nur schwach hervortritt. Fort-
geschritten ist die Bildung der Augen: die etwas tiefliegen-
den Augäpfel werden von Lidern umrahmt, die wulstförmig
gebildet sich der Wölbung des Augapfels in natürlicher
Weise anschmiegen. Das Unterlid verläuft nicht wie bei
archaischen Köpfen fast horizontal, sondern ist gegen den
äusseren Angenwinkel zu etwas herabgezogen. Dadurch er-
scheint das Auge weit offener, der Ausdruck lebendiger. Die
Pupille ist durch ein Bohrloch angegeben, das am linken Auge
viel zu tief, fast am Rande des unteren Lides liegt. Diese
Einzelheit ist die einzige Flüchtigkeit der sonst sehr ordent-
lichen Copistenarbeit. Die schmale, gerade, scharf conturierte
Nase überschattet einen überaus lebendigen charakteristi-
schen Mund. Die schmale Oberlippe ist fest auf die etwas
aufgeworfene, doch schön geschwungene Unterlippe gepresst;
hauptsächlich dadurch entsteht der Ausdruck trotziger Ener-
gie, die doch durch eine leise Melancholie gemildert wird.
Dieses Gesicht passt wohl am besten zu einem jugendlichen
Athleten. Die Deutung erlangt Gewissheit durch die Betrach-
tung der Ohren. Von kräftiger Form mit ausgeprägtem flei-
schigem Ohrläppchen, sitzen sie etwas tief. Durch wuchtige
Faustschläge platt gedrückt, legen sie sich ganz an den Schä-
del an. Es sind echte Pankratiastenohren.
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