Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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1909

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 3

Wettbewerb zum Neubau der K. Hoftheater in Stuttgart. Architekten: Eisenlohr & Weigle, Oberbauräte in Stuttgart.
Entwurf: »Was Ihr wollt I«. Vogelperspektive. Angekauft.


Wettbewerb zum Neubau der K. Hoftheater in Stuttgart.

Nachdem das alte Hoftheater am 20. Januar 1902 durch
Brand zerstört worden war, wurde in den Monaten
Mai bis Oktober 1902 ein vollständig massives und
feuersicheres Interimtheater erbaut (durch die Architekten
Eisenlohr & Weigle, Stuttgart), das seither in Benützung steht.
War man einesteils dadurch in der Lage, die Entschließung über
die Neubauten nicht überstürzen zu müssen, so trug andern-
teils die sehr schwierige Frage der Wahl des Bauplatzes, im
Zusammenhang mit den durch die Bahnhofsverlegung aufge-
tretenen stadtbautechnischen Fragen von größter Bedeutung
zu immer neuer Hinausschiebung einer endgültigen Entschei-
dung bei. Eine weitere Erschwerung der Platzfrage entstand
durch die Genehmigung der von der Intendanz seit der Zer-
störung des alten Hauses gestellten Forderung nach zwei
Theatern mit einem gemeinsamen Verwaltungsbau, wodurch
die Zahl der Möglichkeiten sehr verringert wurde.
Eine Reihe von Plätzen wurde von den in Betracht kom-
menden Faktoren — Krone, Stadtverwaltung und öffentliche
Meinung — in Erwägung gezogen und als ungeeignet wieder
verworfen, bis zuletzt die Majorität der vom König eingesetzten
Baukommission sich für den unten genannten Platz entschied,
worauf zur Erlangung von Entwürfen für diesen zum 1. Ok-
tober 1908 ein öffentlicher Wettbewerb ausgeschrieben wurde.
Dazu war eine beschränkte Anzahl im Theaterbauwesen
erfahrener deutscher Architekten unter Zusicherung einer Ent-
schädigung für Lieferung eines Wettbewerbentwurfs besonders
aufgefordert, und zwar die Architekten:
Professor Dr. Bruno Schmitz, Berlin,
„ Martin Dülfer, Dresden,
„ Max Littmann, München,
Regierungsbaumeister K. Moritz, Köln,
Oberbauräte Eisenlohr & Weigle, Stuttgart.
Weiterhin waren zu dem Preisbewerb die in Württemberg
ansässigen oder geborenen Architekten öffentlich eingeladen.
Für den Wettbewerb um die ausgesetzten Preise galten für
sämtliche Teilnehmer gleichmäßig nachstehende Bedingungen:
Bauprogramm:
Allgemeines.
Als Bauplatz steht eine Grundfläche im Gesamtmeßgehalt von unge-
fähr 2 ha 25 a auf dem Platz des sogenannten Botanischen Gartens und
der K. Generaladjutantur an der Schloßgarten- und Neckarstraße zur
Verfügung. Überschreitungen der angegebenen Bauplatzgrenzen über die
an Privatgrundstücke grenzende Linie sind ausgeschlossen; im übrigen
können dieselben auch nur dann zugelassen werden, wenn sie von geringem
Belang sind. Eine tunlichste Erbreiterung der Schloßgarten-
straße durch Einbeziehung eines Teils des in die Baugrenze

einbezogenen Areals des Botanischen Gartens und des Gartens
der K. Generaladjutantur wäre erwünscht, ist aber nicht als unbe-
dingtes Erfordernis zu bezeichnen. Auf diesem Platz sollen zwei Theater-
gebäude (»Großes Haus« und »Kleines Haus«) mit Verwaltungs- und
Kulissenräumen, und zwar zunächst das Große Haus, sodann in räum-
licher und feuersicherer Trennung d. h. unter Ausschluß der Unterbringung
unter einem Dach, jedoch unter tunlichster Berücksichtigung der Bedürf-
nisse eines einheitlichen gemeinsamen Betriebs ein Kleines Haus errichtet
werden. Beide Häuser sollen sowohl der Oper wie dem rezitierenden
Drama dienen, das »Große« für die heroischen Werke, die größerer Massen-
wirkung und größeren dekorativen Aufwands bedürfen, das »Kleine« für
alle Stücke, bei denen eine intime Wirkung gewünscht wird. Nach dem
Programm sind für das Große Haus 1400, für das Kleine Haus
800 Sitzplätze vorgesehen. Die in dem Programm für den Mittel-
und Verwaltungsbau verlangten Räume sind als zum Großen
Haus gehörig zu betrachten und können auch in diesem
selbst untergebracht werden. Die Kosten für das Große Haus samt
Nebenräumen dürfen in der Summe der reinen Baukosten den Betrag von
2869000 Mark, für das Kleine Haus von 1068000 Mark nicht überschreiten.
Für die in der limitierten Bausumme nicht inbegriffenen Einrichtungen
der Heizung, Beleuchtung u. s. w., der Bühnenmaschinerie und für die
Mobiliarausstattung haben die Bewerber nach sachverständigen Angaben
besondere Kostenschätzungen aufzustellen. Für das Kleine Haus mit
Nebenräumen ist eine besondere Kostenberechnung nach denselben Grund-
lagen aufzustellen. Zur Ausführung ist zunächst nur das Große Haus
samt Nebenräumen und Verwaltung nach dem im Programm bestimmten
Umfang vorgesehen.
Programm für das Große Haus.
Zuschauerraum für 1400 Plätze mit zwei Rängen, hinter dem zweiten
Rang ein großes Amphitheater; Foyer mit zwei Büfetts; Restauration für
das Amphitheater. Für den königlichen Hof, einschließlich der Inten-
dantenloge 4—6 seitliche Logen mit Vorzimmern und eine Mittelloge; auf
dem ersten Rang mehrere seitliche Logen mit Vorraum, im übrigen Sperr-
sitze. Kassenlokale im Vestibül, ausreichende Garderoben und Toiletten
für Parkett und alle Ränge; Sanitätslokal. Orchester für 90 Musiker.
Bühne 28 m breit, 21,5 m tief. Bühnenöffnung 12,0 m breit, 8,6 m hoch.
Hinterbühne 20 m breit, 10 m tief, 18,0 m Prospektbreite, 10,5 m Prospekt-
höhe. Nebenräume für Schiebebühnen. Unterbühne in drei Etagen. An-
kleidezimmer für Solodamen und Soloherren, Räume für 45 Chorherren,
45 Chordamen, Ballettmeister, 3 Solotänzerinnen, 15 Korpstänzerinnen,
36 Ballettelevinnen, 50 Statistinnen, 100 Statisten, Friseur für Herren und
Frisierstube. Ein Sortierraum als Handmagazin auf der Herren-, ein
ebensolcher auf der Damenseite. Konversations- und Dienstzimmer für
das Solopersonal, desgleichen für das Chorpersonal, diensttuenden Inspi-
zienten, Regisseur, Musikalienverwalter, Probenzimmer, Chorprobensaal
für 80—90 Personen, Nebenraum dazu als Garderobe- und Aufenthalts-
raum für die Mitwirkenden, Ballettsaal, Stimmzimmer für das Orchester,
hierzu Raum für Garderobe und Instrumente, Kapellmeister (mit Flügel),
Musikalien für den laufenden Dienst. Requisitenmagazine: Handmagazin,
Tagesmagazin, Hauptmagazine, Requisitenverwalter, 4 Requisitendiener
und Statistenaushilfe. Weitere Räumlichkeiten: Maschineriedirektor, Theater-
meister, 3 Zimmer für je 12, oder 1 Zimmer für 36 Bühnenarbeiter, Be-
leuchter, Beleuchtungsmagazin und Apparate, mechanische Werkstatt,
Reparaturwerkstätte, Lampist, Putzfrauen, Magazin für den Hausverwalter,
Dienstzimmer für den Portier, Kulissenmagazin 13600 cbm.
Mittel- bezw. Verwaltungsbau.
Verwaltungsräume. Kanzleien. Intendant und dessen Vorzimmer,
Sitzungszimmer, Kanzleivorstand, dessen Warteraum, Sekretariat, Intendanz-

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