Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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Architektonische Rundschau

1909

Heft 1Ö


Alte Grabplatten am Hauptwege.

Vom Doventorfriedhof in Bremen.

Ausstellung für Friedhofskunst in Bremen.
Auf dem alten Doventorfriedhof in Bremen ist Anfang
Juni eine Ausstellung für Friedhofskunst eröffnet worden, deren
Veranstaltung und Anordnung dem Leiter des Bremer Gewerbe-
museums Profes-
sor Emil Högg zu
verdanken ist. Sie
umfaßt gegen acht-
zig Grabmäler, von
denen die über-
wiegende Mehr-
zahl nach Entwür-
fen von Bremer
Künstlern, der klei-
nere Teil nach den
von verschiedenen
Wanderausstellun-
gen schon in weite-
ren Kreisen bekann-
ten Künstlerent-
würfen der Wies-
badener Gesell-
schaft für bildende Kunst ausgeführt ist und zwar fast ausschließ-
lich — bis auf zwei oder drei — durch Bremer Kunsthandwerker.
So bezweckt sie, anknüpfend an die bahnbrechenden
Darbietungen der Gruppen für Friedhofskunst auf den letzten
Ausstellungen in Dresden und Nürnberg 1906 und München
1908, allgemeine Aufklärung über die Grundfragen der Fried-
hofs- und Grabmalgestaltung überhaupt und Hebung des Ge-
schmacks durch Vorführung mustergültiger Entwürfe und Aus-
führungen und darüber hinaus neue Anknüpfung an die
bodenständige Überlieferung und Kunstübung eines bestimmten
enger begrenzten Gebietes.
Platz und Gesamtanordnung der Ausstellung vergegen-
wärtigen dem mit den neueren Friedhofskunst-Bestrebungen
einigermaßen vertrauten Besucher gleichsam als einführendes
Vorspiel die Hauptfragen, von deren Lösung die künstlerische
Entwicklung unsrer Friedhöfe abhängt.
Der alte, jetzt nicht mehr benutzte Doventorfriedhof ist um
die Wende des 18. Jahrhunderts angelegt. Das mäßig große
Gelände ist durch zwei sich senkrecht kreuzende Hauptwege
in vier Rechtecke zerlegt, deren Einfassung die bevorzugten
Grabstätten bildeten. Überrascht bleiben wir stehen, gepackt
von dem prunklosen Ernst und der gewaltigen Wucht dieser
Grabmäler, von denen vier, jetzt übersät von den Blüten der
sie beschirmenden roten Kastanien, an der Kreuzung der
Mittelwege eine imposante Gruppe bilden.
Das Innere der Quartiere ist nach dem Eingehen der ein-
fachen Gräber zu freien Grasflächen geworden, die von den
zwischen und über den bevorzugten Gräbern an den Rändern

üppig emporgewachsenen Bäumen und Sträuchern
stattlich umrahmt werden. Eins der beiden hinteren
Felder hat Högg für seine Grabkunstausstellung ge-
wählt. So führt der Weg zu ihr von dem in der
Mittelachse des Friedhofs gelegenen Eingang zu-
nächst auf die große Mittelgruppe alter Familien-
gräber zu, von da in der Querallee bis zur Mitte des
Quartiers, wo sich zwischen enger zusammenge-
rückten Grabmälern und Büschen hindurch der Blick
auf die freigelassene Rasenfläche bietet. In ihre
Achse ist als das Ganze beherrschender Abschluß
das einzige große Denkmal von Architekt Rudeloff
gesetzt. Die übrigen Grabsteine sind ringsum am
Rande aufgestellt, aber nicht gleichmäßig in gerader
Linie, sondern vor- und zurückspringend, einzeln
und zu kleineren Gruppen vereinigt, unter den alten
Trauerweiden, zwischen üppigen Fliederbüschen und
hohen Zypressen, eng anschließend an die noch er-
haltenen alten Gräber mit ihren verwitterten Steinen
und verrosteten Gittern, hier und da zwischen diesen
an besonderen durch deren Bepflanzung eng um¬
schlossenen Plätzchen, und einige an einem schmaleren, im
Halbkreis hinter dem Rudeloffschen Grabmal herumgeführten
Weg. So sind die verschiedensten, der Art der Grabmäler am
besten entsprechenden Aufstellungen und alle Reize intimer
Wirkungen gewonnen, die das Einzelne voll und unabhängig
von den Nachbarn zur Geltung kommen lassen, inmitten einer
harmonischen Zusammenfassung natürlichsten Gepräges.
Was bei derartigen Ausstellungen meist ganz fehlt oder
nur mit großen Schwierigkeiten und Kosten angedeutet werden
kann, schirmendes Blätterdach und flimmerndes Lichterspiel,
ist hier durch den geschickt benutzten Bestand an alten Bäumen
und blühenden Sträuchern gegeben. Das und der innige Zu-
sammenhang mit den alten Grabstätten verwischt den Aus-
stellungscharakter und ergibt vielleicht den besten Prüfstein
dafür, wieweit das Neue dem Alten ebenbürtig und verwandt
zu erachten ist.
So bieten der Platz schon mit seiner alten Anordnung und
deren allmählichen Entwicklung, dann die Einordnung des Neu-
geschaffenen ein beredtes Beispiel für die künstlerische Auf-

Architekt Alexander Rudeloff in Bremen. (47)
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