Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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1909

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 8

Gesellschaftshaus »Colleg« in Nürnberg. Architekt: Professor Emanuel von Seidl in München.
Kleiner Saal.


Das neue Gesellschaftsbaus „Colleg“ in Nürnberg.
Architekt: Professor Emanuel von Seidl in München.


Wer alte Städte nicht bloß nach dem Baedeker durcheilt,
sondern sorgsam nach verborgener Schönheit spähend
durchforscht, der weiß, daß nicht nur die allbekannten histori-
schen Bauten und die stattlichen Bürgerhäuser mit ihren maleri-
schen Höfen innerhalb des festumschließenden Mauerkreises von
der Väter Art und Kunstsinn erzählen. Einen tieferen Einblick
in ihre gemütvolle Weise beschaulichen Lebensgenusses, in die
damals herrschende, heute leider so selten gewordene harmonische
Verschmelzung feinen na¬
türlichen Kunstempfindens
und maßvoller Selbstbe¬
schränkung in der Wahl
ihrer Mittel gewähren uns
oft die alten, vor den Toren
gelegenen Gärten mit ihren
verwachsenen Hecken, mit
den lauschigen Laubengän¬
gen und traulichen Lust¬
häusern und dem fröhlichen
Schmuck naiver Sandstein¬
figuren.
Rücksichtsloser noch
als mit den alten stolzen
Bürgerhäusern haben die
kunstentfremdeten Nach¬
kommen mit diesem schön¬
heitsreichen Erbe der Ver¬
gangenheit aufgeräumt. Sel¬
ten nur hat sich zwischen
dem Häusermeer der neuen
Vorstädte solch ein Garten
unberührt erhalten und
meist droht auch ihm bal¬
dige Vernichtung in der
unaufhaltsam sich wandeln¬
den Umgebung.
Zu den schönsten An¬
lagen dieser Art, dicht unter Oeseilschaftshaus »Colleg« in Nürnberg.
Kuppelsaal (Gartenansicht).

den Mauern Nürnbergs, gehörte das Anwesen, welches das
»Colleg«, eine der ältesten und angesehensten Gesellschaften der
alten Reichsstadt, an der Archiv- und Bucherstraße in der alten
Johannisvorstadt jenseits der kaiserlichen Burg besaß, mit seinen
reizvollen großzügigen Gartenanlagen, dem prächtigen Baum-
bestand und dem kleinen idyllischen Haus darin, das freilich
längst nicht mehr den geselligen Ansprüchen genügte. Auch
zu einer bedeutenden Er-
weiterung der Räume, die
nur durch einen Neubau
geschaffen werden konnte.
Aber man war sich
hier der Schönheit der alten
Anlage voll bewußt und
wollte ihren poetischen
Zauber nicht wie ander-
wärts durch den Neubau
zerstören. In möglichst
engem, schonenden An-
schluß an das Bestehende
sollte die neue Gestaltung
erfolgen und zugleich der
vorhandene reizvolle Saal
aus der Zopfzeit als Kon-
versationssaal in den Neu-
bau einbezogen werden.
Die Lösung dieser Aufgabe
wurde Professor Emanuel
von Seidl in München über-
tragen.
Aus der Rücksicht auf
die herrlichen Baumgrup-
pen ergab sich eine unregel-
mäßige Winkelstellung des
Grundrisses mit der Lage
des Kuppelsaales und der
breit vorgelagerten Terras-
sen gegen den Park, wäh-
in München.

hier drängten also die

Architekt: Professor Emanuel von Seidl

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