Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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1909

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 4

Kirche in Nordassel (Braunschweig).


Eine Bauernkirche aus dem 17. Jahrhundert.


Zwischen Wolfenbüttel und Hildesheim, fast unmittelbar
an der braunschweigischen Grenze, liegt das kleine
Dorf Nordassel, dessen Kirche bis zur Reformation
eine Tochter der Kirche in Nettlingen bei Hildesheim war.
Die kleine Kirche ist ein äußerlich unscheinbarer Fachwerks-
bau mit polygonalem Chor und einem Dachreiter über dem West-
giebel. Der einzige Zugang auf der Südseite wird durch einen
kleinen Fachwerkvorbau geschützt.
Die Kirche stammt aus dem An¬
fänge des 17. Jahrhunderts, nach der
Inschrift über der Eingangstür aus dem
Jahre 1611. Wie nur noch bei wenigen
Kirchen im Herzogtum Braunschweig,
hat dieser kapellenartige Raum seine
innere Ausstattung und Vermalung noch
vollständig behalten, und es ist den
Bemühungen des Unterzeichneten ge¬
lungen, die Gemeinde von dem gefaßten
Beschlüsse, die alte, teilweise bau¬
fällige Kirche abzubrechen und an Stelle
derselben einen Neubau aufzuführen,
abzubringen und die Mittel bei dem
braunschweigischen Konsistorium zu
einer angemessenen Erhaltung des inter¬
essanten Bauwerks flüssig zu machen.
Aus den zahlreichen Inschriften an den
Priechen, am Altar und an der Decke
geht hervor, daß die gesamte innere
Ausstattung durch Stiftungen und Ver¬
mächtnisse der Dorfeingesessenen zur
Ausführung gebracht ist, so daß man
hier von einer Bauernkirche im wahren
Sinne des Wortes sprechen kann. Zahl¬
reiche Namen der Stifter sind noch heute
in dem Orte vertreten, so daß der Hin¬
weis auf die Opferwilligkeit der Vor-

fahren und das Verständnis derselben für eine geschmackvolle
und nicht unkünstlerische Ausstattung des Kirchenraumes die
Umstimmung der Gemeinde wesentlich erleichterte. Jetzt, nach-
dem die Wiederherstellung der Kirche vollendet ist, möchte
niemand aus dem Dorfe die alte ehrwürdige Kirche missen
und einen Neubau an deren Stelle haben.
An den Umfassungswänden der Kirche befinden sich
Priechen; nur dort, wo die Kanzel ihren
Platz gefunden, fehlen dieselben. Zur
Unterstützung des Dachreiters und des
Glockenstuhls dient im Westen ein
langer Ständer mit aufgelegtem Ham-
mer und beiderseits langen, vom Fuße
des Ständers ausgehenden Streben, wo-
durch mit der die Konstruktion durch-
dringenden Westempore ein eigen-
artiger Abschluß des Kircheninnern er-
reicht ist.
Die Deckenbalken der flachen Decke
sind krumm und schief und nur roh
beschlagen; die Bretter darüber bilden
die Kirchendecke und gleichzeitig den
Boden für das Dach. Eine Bogenöff-
nung aus Fachwerk teilt die Kirche in
Schiff und Chor. Ursprünglich war
nur eine Empore im Westen vorhan-
den, nach der Jahreszahl 1614 errichtet.
Bald aber erwies sich die Kirche zu
klein; in der zweiten Hälfte des 17. Jahr-
hunderts wurde auf der Nordseite bis
zum Chorbogen eine zweite Empore
hinzugefügt, die 1688 neu vermalt
wurde. 1698 endlich wurde als Ver-
längerung dieser Empore im Chor eine
»Schiilerprieche« errichtet und im fol-
genden Jahre die Kirche neu vermalt.

Kirche in Nordassel,

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