Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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1Q09

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 3



Berlin

Offener Brief an einen jungen
Baubeflissenen.
Lieber junger Kollege!
Sie fragen mich, ob Sie die so warm empfohlene neue Sammlung von
Schülerentwürfen zur Förderung Ihrer Studien und als Vorbildersammlung

Pförtner- und Gärtnerhaus beim
Landhaus des Herrn Adolf Schwabacher in Wannsee.
Architekt: Friedrich Kristeller in Berlin.

Klosett,sowie
einen geräu-
migen wohn-
dielenartigen
Vorraum mit
Fensterplatz;
die Dreizim-
merwohnun-
gen haben
außerdem
jede eine
Mädchen-
kammer. Die
Einteilung ist
im Vorder-
wie im Gar-
tenhause die
gleiche, die
Küchen,Trep-
pen und Ne-
benräume
sind dem gro-
ßen Garten-
hof zugekehrt.
Wie die Fas-
sadenzeich-
nung erken-
nen läßt, sind
im Erdge-
schoß auch einige
Läden vorgesehen.
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Detail vom Pförtner- und Gärtnerhaus beim
Landhaus des Herrn Adolf Schwabacher in Wannsee.
Architekt: Friedrich Kristeller in Berlin.
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Die neue Oranienbrücke in
Architekt: Professor Dr.-Ing. Bruno Schmitz in Berlin.

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Orttyröf/lMS

Die Oranienbrücke überspannt einen schmalen Kanalarm inmitten
eines weiten kreisförmigen, aber infolge der breiten Kanalufer nur mangel-
haft umschlossenen, nichtssagenden Platzes, auf dem beiderseits verkehrs-
reiche Straßen sternförmig einmünden. Die architektonische Gestaltung
und Betonung der kleinen Brücke gegenüber dieser Umgebung und in-
mitten des ständig flutenden Verkehrs bot daher erhebliche Schwierigkeiten.
Sie ist bewirkt durch Verlängerung der Brücken- und Hauptverkehrsachse
durch die vier großen, zu beiden Seiten der Brücke errichteten Bogenlampen-
träger und die dahinter stehenden niedrigen Häuschen der Bedürfnisanstalten.
Für die Lampenträger war von der gewöhnlichen einstützigen Kandelaber-
form inmitten eines Waldes von Spannmasten, Laternenpfählen u.s.w. keine
Wirkung zu erwarten; deshalb wurde die eigenartige Form der den Platz
beherrschenden Aufbauten gewählt, an denen auch das Figürliche lediglich
als großes architektonisches Motiv aufgefaßt ist. Für die künstlerische

für Ihre Bauten sich anschaffen sollen. Sie glauben damit einen besonders
guten Kauf zu tun, da Sie nicht nur für einen Taler 60 Blatt Entwürfe
bekommen, sondern da auch ein allgemein bekannter und um seiner Ver-
dienste willen hochgeschätzter Professor und Kunstschriftsteller dem Werk-
ehen folgenden Patenspruch mit auf den Weg gegeben hat:
Ich habe Ihre Arbeiten mit Muße durchgesehen und finde, daß Ihre Ziele sehr unter-
stützenswert sind. Besonders erfreulich ist es, daß einmal eine Baugewerkschule anfängt,
auf diesem natürlichen Wege zu wandeln. Es scheint heute besonders schwierig zu sein,
zwischen Szylla und Charybdis, den Formen der skrupellosen Bauunternehmer nämlich und
auf der andern Seite denen der auf Stelzen schreitenden Neuerer ä tout prix, hindurchzu-
finden. Ich meine, daß die Methode durchaus die richtige ist, besonders für die Aufgaben,
denen Ihre Schüler einstmals im Leben gegenübertreten werden.«
Nun sehen Sie, lieber junger Freund, einmal genau zu, was in diesem
vorsichtig-wohlwollenden Gutachten eigentlich gesagt ist. Es werden
da die Ziele einer Baugewerkschule unterstützenswert gefunden, die an-
fängt, auf natürlichen Wegen zu wandeln und sowohl die Formen skrupel-

Entwicklung des Stadtbildes ist es dankbar zu begrüßen, daß der Leiter
des Tiefbauamts, Stadtbaurat Krause, die Lösung dieser bedeutungsvollen
Aufgabe in berufene Hände gelegt hat.

loser Bauunternehmer als auf Stelzen schreitender Neuerer zu vermeiden.
Wer möchte dies nicht gern unterschreiben! Aber weder steht da, daß
die in dem Heft abgebildeten Sachen einwandfrei und vorbildlich seien,


Pförtner- und Gärtnerhaus beim
Landhaus des Herrn Adolf Schwabacher in Wannsee.

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Architekt: Friedrich Kristeller in Berlin.
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