Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12

1909


Haus des Regierungsbaumeisters B. Architekt: Professor Alfred Orenander
in Nikolassee. Große Berliner Kunstausstellung 1909. ’n


Wohn- und Geschäftshäuser bieten Heinrich Möller,
Rathenau & Hartmann u. a.
Unter den diesmal zahlreicher vertretenen Kir-
chenbauten befinden sich noch mehrere bemerkens-
werte, so ein in bekannter Meisterschaft darge-
stellter Entwurf von Kickton für die Pauluskirche
mit Pfarrhäusern in Breslau, Otto Kuhlmanns freund-
licher Putzbau der evangelischen Kirche in Raudnitz
in Böhmen und Walter Köppens Modell einer Fried-
hofskapelle in Berlin, dem eine Ansicht des stim-
mungsvollen Innern beigegeben ist. Paul Holländers
Modell einer evangelischen Kirche mit Gemeinde-
und Pfarrhäusergruppe wirkt durch allzuviel male-
rische Einzelheiten und Dachformen etwas unruhig.
Aufnahmen alter Bauwerke und Reiseskizzen sind
diesmal in der Architekturabteilung in geringer An-
zahl, aber durch A. Balckes Aquarelle aus Wimpfen a.B.
und Martin Hermanns Giebelhaus aus Ansbach aufs
beste vertreten. Bilder einer mustergültigen Wieder-
herstellungsarbeit von feinster künstlerischer Voll-
endung bietet Georg von Hauberisser in 7 Blatt
Photographieen von der Deutsch-Ordensburg Busau
in Mähren.
Zahlreich und mannigfaltig sind die Entwürfe
für innere Ausstattung. Gustav Halmhuber bietet
eine Reihe phantasievoller farbenfreudiger Ideen,
Schwechten gibt ein großes farbiges Bild von der
romanischen Ausstattung des großen Festsaales im
neuen Kaiserschloß zu Posen und 3 Innenansichten
von der Erlöserkirche in Homburg vor der Höhe.
Grenander zeigt die schlichte Dielenanlage eines
Hauses in Falsterbo und der Maler Richard Böhland

C. J. Bührings straffgegliederte Gemeindedoppelschule für Weißensee
bei Berlin und Geßners reizvolle Gruppen von Einküchenhäusern in
Friedenau gehören zu den verdienstvollen Werken, von denen wir einen
vorbildlichen Einfluß auf die Öde der rasch emporwachsenden Vorstadt-
quartiere erhoffen.
Eine schwierige Aufgabe der Großstadtbebauung hat Heinrich Straumer
in seiner eingebauten »Wohnhauskirche« bearbeitet. Von den Wettbewerb-
entwürfen für große Erholungsstätten sind Bruno Möhrings Entwurf für
das Kurhaus in Zoppot und Brureins großzügiger Plan für die Saal- und
Restaurationsgebäude des Berliner Zoologischen Gartens hervorzuheben,
von Monumentalbauten weiterhin Paul Englers Wettbewerbentwurf für das
Museum in Wiesbaden und Ernst Rentschs Entwurf für das Ministerial-
und Landtagsgebäude in Oldenburg. Der an sich prächtige Entwurf von
Heidenreich & Michel für das Rathaus in Delmenhorst erscheint mit seinen
malerischen Schieferdächern und gelblichen Putzflächen mehr für eine
hessische Stadt als für Delmenhorst geeignet. Erwähnenswert ist auch der
eigenartige und an prickelnden Einzelheiten reiche Entwurf Bruno Möhrings
für die Hansabriicke in Berlin. Hasak zeigt einen stattlichen Entwurf für
die Verlängerung der Ludwigskirche in Wilmersdorf und eine Zusammen-
stellung von Bildhauerarbeiten der Reichsbauten in Freiburg i. B., Braun-
schweig und Danzig; aus letzterer auch die von der Kaiserlichen Ziegelei
in Kadinen ausgeführten Terrakotta-Decken.
Von den zahlreich vertretenen Entwürfen für Landhäuser und Villen
geben wir einige im Bilde wieder. Otto March hat zwei Modelle großer
Landsitze ausgestellt, zu dem von uns bereits im Jahrgang 1906 veröffent-
lichten Landsitz des Herrn Luttitz bei Aachen und für den Landsitz Vorster
in Obercassel, von dem wir hier photographische Aufnahmen bringen.
Außerdem seien der Entwurf von B. L. Troost in München für eine
Villa in Nürnberg, Max Werners Landhausanlage für Gatow und eine Villa
in München von O. O. Kurz genannt.
Georg Roensch hat in seinem Klub- und Bootshaus des Berliner
Ruderklubs Wannsee eine anziehende und zweckmäßige Anlage geschaffen.
Erdmann & Spindler sind durch Photographieen ihrer Sparkasse in
Gotha und des Bankhauses A. Stürcke in Erfurt vertreten, die gute Werk-
steinbehandlung zeigen. Entwürfe oder Bilder ausgeführter großstädtischer

seinen von der Dresdener Raumkunstausstellung 1906 bekannten Fries für
einen Kirchenchorraum, den Entwurf einer Deckenmalerei aus dem Kauf-
haus des Westens und 10 Entwürfe zu historischen Wandgemälden für das
Altenburger Schloß.
Unter den Denkmalsentwürfen steht Saarinens wuchtige Kohlezeichnung
eines Mausoleums obenan. William Müller hat einige Grabdenkmäler, dar-
unter eine einfache Steinwand mit Nischen zur Urnenaufstellung ein-
gesandt, Freiherr von Tettau, Albert Frölich und Brurein geben willkommene
Gelegenheit zu interessanter Vergleichung ihrer Entwürfe für das Refor-
mationsdenkmal in Genf.


So bietet die Ausstellung ein vielseitiges lehrreiches Bild erfolgreichen
Schaffens und die Gewißheit, daß nicht nur die Zeit vorüber ist, wo man
die Mietkaserne unbedingt als Palazzo gestalten zu
müssen glaubte, sondern daß auch die Gefahr der
entgegengesetzten Abirrung überwunden wird, das
Geschäftshaus als spaliergeschmücktes Gartenhaus
und das vornehme Landhaus gleich dem strohge¬
deckten Bauernhaus mit bis fast auf die Erde reichen-
dem Dache zu gestalten.
Hingebenden, aufreibenden Ringens hat diese
Entwicklung bedurft und mancher wird die Früchte,
die er gepflegt, nicht mehr reifen sehen. Reiche
Ernte hat der Tod in der letzten Zeit unter den
schaffenden Künstlern gehalten. Auch von den auf
der Ausstellung vertretenen ist inzwischen einer all-
zufrüh dahingerafft worden: Alfred J. Balcke, der
noch in diesem Jahre
die beiden über¬
großen Säle zu bei¬
den Seiten der Kup¬
pelhalle erfolgreich
umgestaltet hat.
Ehre seinem An-

denken!
W. B.

• ERDGESCHOSS-

Gemeindedoppelschule für Weißensee. (Nach dem Modell.) Architekt: Stadtbaurat Carl James Bühring in Weißensee-Berlin.
Große Berliner Kunstausstellung 1909.


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