Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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wieder frisch gefärbt und prunkend in die Tuchläden und
Schneidergeschäfle wandern als jene Kleiderstoffe, die man
Mungo oder Shoddy nennt. Und sogar der Teufelsftaub, so-
weit er in der Maschine zurückgehalien werden kann, wird
wieder gefärbt und zur Erzeugung der Sammttapetcn gebraucht.

Und in ähnlicher Weise wandert alles Eisen in die
Eisengießereien, altes Papier in die Papierfabriken; und
Anderes hierhin und dorthin. Die inoderne Industrie wird
stets findiger in der Ausnützung des Kehrichthaufens. Und
da mit der Zunahme der Bevölkerung in unseren Kultur-
ländern jeder Fleck Erde immer sorgfältiger benützt wird,
ist es natürlich, daß auch die Dinge, die darauf uinher-
licgen, immer weniger der Gefahr ausgesetzt sind, gänzlich
verloren zu gehen. Immer mehr arbeitet das moderne
Wirthschaftsleben darauf hin, daß Alles, was überhaupt
eimual Werth für den Menschen hatte, sich aus dem Kreis-
laufe der Erneuerung und des Verbrauches nicht mehr ent-
fernen kann, sondern in diesem Kreisläufe festgehalteu werde.

Das gelingt aber nicht immer. Denn die Natur hat
auch ihren Kreislauf, welcher keineswegs Rücksicht auf die
Regeln der menschlichen Sparsamkeit und Wirthschaftlichkeit
nimmt. Die Natur will alles Geschaffene in ihren Kreis-
lauf zurückziehen, und so sehr sich auch der Mensch bemüht
sie daran zu verhindern, es gelingt ihm niemals vollständig.
Bei jedem industriellen Prozesse geht immer Stoff verloren,
der als Staub und Rauch in die Lüfte fliegt, oder durch
die Abwasser der Fabriken und Werkstätten in die Ströme
und in's Meer hinabgeführt wird.

Und auch an jedem vollendeten Produkte unseres Fleißes,
selbst wenn es gar nicht benützt wird, nagt der Zahn der Zeit,
den das Naturgesetz des ewigen Wechsels in Bewegung fetzt.
Wir nennen's Verwitterung, Verwesung, Fäulniß und Ver-
derb ; für die Natur ist es Arbeit und schöpferische Thätigkeit.

Das Klima der Tropenländer ist für die Erzeugnisse
menschlicher Arbeitsthätigkeit weit verderblicher, als das der
gemäßigten Zone. Wir wissen, daß in den Tropenländern
die Feuchtigkeit der Luft während der Regenzeit selbst solche
Gegenstände, die unter Dach liegen, binnen wenigen Tagen
unbrauchbar macht. Bücher schwellen auf und bedecken
sich mit Schimmel; Pilze wachsen in den Schränken, Sal-
peter an den Mauern; Eisen wird in kürzester Zeit so rostig,
als wäre cs bei uns Jahre lang im Freien gelegen. Papier
und die Erzeugnisse der Textilindustrie halten sich in den
Tropenläudern wegen der zahlreichen und zerstörenden In-
sekten viel weniger, als in unserem Klima. So kommt
es, daß z. B. im tropischen Amerika nur wenig Papier
existirt, das über sechzig Jahre alt ist.

Die Natur hat drei Wege, auf welchen sie dem Menschen
seine wirthschaftlichen werthe entführt und nur zum Thcile
wieder zurückleitet: die Erde, den Gecan und die Luft.

Die pflanzeunährende Erde ist der großartigste perd
der Erneuerung. Da wird die verjüngende Thätigkeit durch
die verwitternden Kräfte der Atmosphäre, der Wärme
und der Feuchtigkeit vollzogen. Die Prüfungen und Läuter-
ungen der abgebrauchten Erzeugnisse, die etwa auf den
Acker gcrathen, folgen nicht so rasch aufeinander, als in
den industriellen Reinigungskanälen; aber sie sind gründ-
licher und dauern länger. Einer Wanderung durch Staub
^ud Finsterniß folgt dann der wunderbare Vorgang der
Erneuerung, der die Verwitterungsprodukte von Wurzel-

fasern junger Pflanzen ergreifen und in organisches Leben
aufnehmcn läßt. Was vom Acker koinmt, hat einen natür-
lichen Zug zum Acker zurück.

Vieles freilich, sehr Vieles von dem, was nrenschlicher
Fleiß erschuf, versinkt in Flüssen und Meeren. Ueberall,
wo Ortschaften an Kfcru durchsichtiger Gewässer liegen,
kann man aus dem Grunde jener Gewässer eine ganze
Kulturschicht entdecken: Verlorenes und Preisgegebcncs, das
einst dem Menschen diente. Von den großen, durch die
Urgeschichte der Völker sich ziehenden sagenhaften Fluthen
bis herab zu den statistischen Nachweisen über die jährlichen
Schiffbrüche — welch' eine alle Berechnung übersteigende
Summe von Werth, der in Meeresfluth versinkt! Flüsse
wie der Rhein, die Elbe, die Themse, die Seine spülen
auf ihrem Grunde Tag für Tag eine solche Kulturschicht
thalabwärts; und sie enthält nicht blos altes Eisen und
zerbrochenes Porzellan, sonderir auch silberne Löffel und
dergleichen. Wie viele Millionen von püten und Mützen
mögen nicht schon in den Gccan hinuntrrgeschwommcn
sein, die der neckische wind von Brücken und Schiffen herab-
wehte! Das sind freilich im Einzelnen kleine werthe;
aber sie summiren sich, ebenso wie die Schätze, welche seit
den Seefahrten der Phönizier nrit Schiffen im Ocean ver-
sunken sind, sich im Lauf der Jahrhunderte zu einem unbe-
rechenbaren Reichthnm summiren.

Feuer zerstört am gründlichsten, was es frißt, wird
Gas und Asche, unorganisches Dasein, das dem inensch-
lichen Wirthschaftsleben fast nichts mehr bedeutet. Die
Erzeugnisse, welche durch Feuer vernichtet werden, durch-
leben in kürzester Zeit Schicksale, die sonst auf längerer Dauer
vertheilt sind. Die untergegangeucn Werte werden unsicht-
bar, oder mindestens brandschwarz und formlos — ein Ende
von erschütternder Tragik. Vielleicht niemals, vielleicht nach
sehr langer Zeit erst, und unter ganz verschiedenen Beding-
ungen werden sie dem menschlichen Leben wieder dienstbar.

Nach diesen allgemeinen Betrachtungen über die letzten
Schicksale der menschlichen Erzeugnisse ist es aber doch an
der Zeit, daß wir auf ein paar Arten solcher Erzeugnisse, die
uns speziell am Perzen liegen, näher eingehen. Zwei Gruppen
von Erzeugnissen sind es, die theils wegen des Stoffes, aus
dein sie gefertigt sind, theils wegen ihres Gehals an geistiger
Arbeit weit länger zu leben haben, als die übrigen. Die
einen sind die ans Edelmetallen und edlem Gestein gefertigten
Gegenstände; die anderen die Werke der bildenden Kunst.

Jedes untergegangene Kulturvolk hat im Laufe seiner
Geschichte einen oder den anderen großen sagenhaften Schatz
von Kleinodien sich ansammeln sehen. In den Burgen und
Felsengewölbe,, der alten Känigsgeschlechter sammelten diese
Schätze sich an zu märchenhafter Größe und Schönheit; die
erfinderische Phantasie des Volkes setzte ihnen Drachen und
Riesen zu Putern. Und dann kam für jedes dieser alten
Kulturvölker eine Zeit, in welcher es morsch und müde
geworden war, und widerstandslos gegen den Ansturm
rauher Naturvölker. Seine Gärten und Felder wurden
zerstainpft, seine Städte verheert, seine Burgen gebrochen.
Und die alten königlichen Schätze, soweit sie nicht vorher
in die Erde vergraben und in Bergwäldern geborgen waren,
wurden geplündert und zerstreut.

Es ist der Mühe werth, daß wir die Schicksale einiger
solcher sagenhafter Schätze verfolgen. (Schluß folgt.)
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