Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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von Jakob von Falke.

i.

Oie kirchliche Kunst im Mittelalter.

«s wäre ein Jrrthum anzunehmen, die erste
christliche Airche hätte sich der Aunst von
Ansang an und aus Grundsatz feindlich gegen-
über gestellt. Vielmehr benützte sie die Aunst,
wo sie dieselbe nur fand und gebrauchen konnte; gehörten
doch viele Aüustler zu den frühen Bekennern des Lhristen-
thums. Die Aunst aber, welche sie fand, war die klassische
des Alterthums auf dem Boden der hellenistischen Länder
und des römischen Welt-
reichs. Technik, Stil,

Formen und Gestalten,
alles entnahm die erste
Airche der antiken Aunst,
wie ihre Jünger und
Meister dieselbe erlernt
hatten, nur erfüllte sie
Formen und Ausdruck
mit christlichen Gedanken
und schuf sich mit antiken
Bildern eine christliche
symbolische Sprache. Be-
weis dessen die Malereien
in den Aatakomben, die
ältesten Zeugen einer von
Christen zu religiösen
Zwecken geübten Aunst.

Als dann die befreite,
der Verfolgungen ent-
ledigte Airche sich ihre
eigenen Teinpel schuf,
einerseits das Langhaus
der Basilika, andrerseits den Tentralbau der Auppelkirche,
da waren es wiederum antike klassische Vorbilder, nach
denen sie entstanden. Der Priester trug das antike Aostüm;
die Geräthe, deren er sich bediente, hatten klassische Formen;
Altäre, Sarkophage, Gefäß und Schmuck, alles war noch
nach klassischer Art.

Erst mit der siegenden Airche, welche über das Heiden-
thum triumphirte und über die Grenzen des Römerreichs
zu den Barbaren hinauswuchs, änderte sich das. Damals
zur Zeit und nach der Völkerwanderung stießen verschiedene
Momente zusammen, in der Airche ein neues und eigenes

Aunstleben zu entwickeln, fja die Airche zur eigentlichen
Bewahrerin der Aünste zu machen. ^Zunächst bedurfte die
Airche, da sie nun die Herrscherin geworden, des Glanzes
und der Pracht, um nicht hinter den Tempeln des cheiden-
thums zurückzustehen. Sodann hatte sich das griechische
Aaiserthum in Byzanz, das über Aleinasien und Syrien
gebot, mit dem fernen Grient, mit dem Saffanidenreiche
zumal, in Verkehr und Beziehungen mancherlei Art gesetzt
und erhielt von dort fremdartige Aunstmotive, welche es
in feine eigene Aunst aufnahm. Zum dritten waren es

die nordischen Völker, die
zu Christen gewordenen
Germanen der Völker-
wanderung, deren Nei-
gung zu phantastischen
Gebilden sich auch bald
in der christlichen Aunst
geltend machen sollte.

Aus diesem Zusam-
menfluß oder vielmehr
Zusammenstoß so ver-
schiedenartiger Mo-
mente, der antiken
Aunst auf römischem
Boden, des Grientalis-
mus im griechischen
Reich, der germanischen
Phantastik nordwärts
der Alpen entstand nun
in der christlichen Airche
ein Aunstleben von ei-
gener, an Gegensätzen
reichen Art, das aber
noch nicht in: Stande war, diese Gegensätze zu einer Einheit,
zu einem gemeinsamen und harmonischen Stile zu verschmelzen.
Die antike Aunstübung war bereits so gefunken, daß man
nicht mehr die Fähigkeit besaß, Figuren mit der gleichen Voll-
endung zu gestalten und Geräthe und Gefäße mit der gleichen
Feinheit der Formen durchzubilden, wie es vor wenigen
Jahrhunderten der Fall gewesen war. Es ließ sich also nur
weit Unvollkommeneres erwarten. Natürlich war darin
ein Unterschied zwischen Byzanz und Italien, insbesondere
aber mit dem, was in den von den Barbaren des Nordens
eroberten Ländern geleistet wurde. Die Residenz der griech-

Brustlatz-Stickerei aus den „vierlandeil".

Gezeichnet von £. Schlotke-Hamburg. (Halbe wirkliche Größe. Vgl. S. 3H ff.)

V

Zeitschrift des bayer. Aunftgewerbe-Vereins München.

*892. Heft 5 & 6. (Bg.

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