Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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großen Theil seiner Wirkung bringen würde. So schwer wir nämlich
Steigerungen der Gesainmtbelenchtung in der Natur nach
ihrem absoluten Werthe empfinden, so stark wirken auf uns die
komplementären Energien, wenn und wo sie vorhanden sind, fj(er
werden die Kontraste unmittelbar von uns empfunden, die Leucht-
kraft der benachbarten Energien zwingt uns dazu. Die hier in Be-
tracht kommenden Erscheinungen sind der gleichzeitige Kontrast,
insbesondere der Grenzkontrast und die sogenannten farbigen
Schatten. — — Die im grünen Walde auf den Hellen Kiesboden
projektirten kleinen Sonnenlichter nehmen einen röthlichen Schein an.
Gegend Abend, wenn das Sonnenlicht gelb wird, werden die Schlag-
schatten auf der Schneesiäche blau.-Das von den meisten Menschen

gewöhnlich nicht beachtete Spiel dieser subjektiven Erscheinungen —
denn unser Sehapparat „macht" sie — ist ein überaus wechselvolles,
je nach der individuellen Farbenempfindlichkeit auch verschiedenartiges;
beachtet oder nicht, jedenfalls unmcßbar, trägt es sehr viel bei zur
Belebung der objektiven Lichter und Farben.

Der Maler, der sein Bild für den geschlossenen Raum berechnet,
wo seine ohnehin trüberen Pigmente die Kontraste der Natur nicht
erzeugen können, muß nun abermals zur Täuschung greifen: er malt
die Kontraste; den röthlichen Schein, den ein saftiges Grün in seiner
Nachbarschaft verbreitet, und den wir nur empfinden, trägt er von
seiner Palette auf! Wollte er sich damit begnügen, die Lokalfarben
eines im Sonnenschein von einem gelben Strohhnt beschatteten Ge-
sichts einfach im verhältniß der Gesammtbeleuchtung abzutönen und
den bläulichen Kontrast von seinem gemalten lxute erwarten, so
würde er einen großen Fehler begehen; er muß vielmehr unserer
Illusion zuvorkommcn und diesen Schatten, der in der Natur infolge
der dem Lichte der Körperschatten überhaupt eigenthümlichen Brechungs-
verhältuiß'e dem subjektiven Kontrast zugänglicher ist und blau er-
scheint, thatsächlich mit Hülfe einer bläulichen Pigmentmischung dar-
zustellen suchen.

Das gilt nun aber nicht blos vom polychromen Gemälde, von
dem man immerhin sagen kann, daß es eine „identische", in allen
farbigen Lichtern der Natur »ahekommeude Gleichung anstrebt,
sondern auch von der Zeichnung, mag dieselbe auf weißem oder
andersfarbigem Grunde mit schwarzem, grauem oder rothcm Stifte,
mit Kreide, Kohle oder Pinsel, oder auf dem Aetzgrunde mit der
Radirnadel ausgeführt sein. Auch die Zeichnung ist nichts
anderes als Lichtgleichung, nur mit der Maßgabe, daß hier
noch eine viel größere Zahl von „Unbekannten" eliminirt und durch

verschiedene Additionen und Subtraktionen auf einen gemeinsamen
Faktor gebracht werden muß. Streng genommen haben wir also hier,
wenn wir den höchsten Maßstab anlegen, eine viel schwierigere
Gleichung als bei der Gelmalerei und der polychromen Malerei über-
haupt; wenn trotzdem ein gutes Gelbild einer guten Zeichnung des-
selben Meisters vorgezogen wird, so ist diese Werthschätzung vielmehr
in der größeren Umständlichkeit der Technik, in der dekorativen Ver-
wendbarkeit und Haltbarkeit, als in der höheren künstlerischen Gualität
zu suchen. -

Auch die Plastik ist „Lichtg lcichung!" Denn der Modelleur
und Bildhauer übersetzt die Lichter und Farben der Natur in seine
Ausdruckswcise, die man eine „reliefirte Zeichnung" nennen
könnte. In der körperhaften Auffassung der Natur muß der Bild-
hauer noch weitcrgehen als der Maler; er gewinnt sie aus einer förm-
lichen Umkreisung seiner Dbjekte, indem er die verschiedensten
Profilansichten und Lichtbiegnngen seinem Gedächtniß einprägt. Die
gewöhnliche Ansicht, daß der Bildhauer nach den Formen, nicht
nach den Lichtern arbeite, beruht auf Mißverständniß. Er sieht
immer nur Lichter; die Form kann er mit den Finge,spitzen fühlen,
er kann vielleicht einen Gypsabguß nach der Natur machen, — sobald
er aber nach den verschiedenen Ansichten vorgeht, die sein Doppcl-
auge gewinnt, macht er aus den gesehenen Lichtern nur Schlüsse
auf die Form und löst daher eine L i ch tg le i ch u n gl vielleicht
ist es die Verkennung gerade dieser einfachen Wahrheit, welche die
moderne Plastik, namentlich in Deutschland, so lange an einem ge-
sunden Aufschwung gehindert hat. Gerade weil die Lichtglcichung
des Bildhauers in mehr als einer Hinsicht eine viel schwierigere
(und meist nicht einmal so dankbare!) ist, wie diejenige des Zeichners
und Malers, — gerade deshalb muß er noch viel mehr darauf be-
dacht sein, die natürlichen Lichtwert he so genau als nur mög-
lich kennen zu lernen, so sicher als nur möglich zu beherrschen. Ja,
der Bildhauer hat gewissermaßen noch eine zweite Lichtgleichung in
sein Ealcül zu ziehen, deren richtige Berechnung sich erst erweisen
kann, wenn sein Werk am bestimmten Platze aufgestellt wird. Dort
— vielleicht im Freien, auf der Höhe mit dem Himmel als Hinter-
grund, oder aber vor einem Gebäude mit mächtigen, erdrückenden
Formen, auf sonnigem Platze oder in einer schattigen Baumgruppe,
im Hellen Festsaal mit Gberlicht oder in der dunklen Gartengrotte mit
spärlichem Tageslicht — in jedem Falle soll sein Werk von allen
Seiten gleich lebensvoll und interessant als veredelter Naturspiegel
erscheinen."

Unsere kunflgewenblichim MusterblMep.

Tafel 8 & 9: Inneres aus dem Schloßvelthurns in
Tyrol. Aufgenommen und gezeichnet von H. Kirchmayr. Schloß
velthurns kam *497 in den Besitz der Fürstbischöfe von Brixen;
Lardiual Andreas von Gesterreich, Bischof von Brixen ()59l—(feoo)
ließ das sog. Fürstenzimmer, dem das Motiv entnommen ist, Herstellen.
Verfertiger ist Tischlermeister Sigmund Tschül. Die Horizontal-Glieder-
ungen waren ursprünglich vergoldet. Ueber den Maler der Wand-
fresken konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.

Tafel zo: Schmuckschale. Entworfen und ausgeführt von

Prof. P. Lhristallcr, Stuttgart.

Tafel Regulatoren-Gehäuse. Entworfen und ge-

zeichnet von Hauptlehrer Max Kiendl, München.

Tafel \2: lüanbreitef. Entworfen und ausgeführt von Bild-
hauer Franz Krieger, München, (vgl. Tafel ;z des letzten Jahrgangs.)

Tafel <z: Brüstungsgitter, von den Emporen in der Mal-
theserkirche zu Landsberga/L. Ausgenommen von BUdhauerE. Pfeifer,
München. Das Gitter ist aus dünnem (t—2 mm. starkem) Eisenblech
ausgeschnitten. Die Kanten der Schnörkel und Flächenmotive sind flach
aufgetricben und auch das Blattwerk mit scharf eingehauenen Rippen-
linien ist ein wenig bewegt. Seinen eigenartige» Reiz erhält das Gitter
durch eine silbergraue Bemalung und die Goldeinfassuiig der Eonturen,
welche bei den Flächenmotiven in der Breite der aufgctriebenen Kanten
herumläuft, während sie das Blattwerk nur sehr zart einrahmt. Das
ganze hebt sich hell vom dunklen Hintergründe der Emporen ab.

hierzu „Beiblatt" Nr. 3.

verantw. Red.: Prof. L. Gmelin. — Herausgegeb. v. bayer. Itunstgewerbeverein. — Druck u. Eomm.-Verl. von Lnorr Sf birtb in
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