Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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Gewerbetreibenden, Kaufleute und Handwerker, wenigstens die jüngeren
nicht. Die älteren erlernen cs, wenn auch unvollkommen, auf Kosten
ihrer eigenen Lebenserfahrung. Aber in Fleisch und Blut kann so
etwas nur in der Jugend übergehen, in spätcrn Jahren hat man keine
Zeit mehr zum theoretischen Selbststudium. Fast die meisten Prozesse
in Handwerker- und Kanfmannskreisen sind ein Ausfluß niangelhafter
Kenntniß oder grober Unkenntniß gesetzlicher Bestimmungen. Man
hat, um solche künftig im gewerblichen Stande etwas zu verringern,
nun die Einrichtung der Gewerbeschiedsgerichte getroffen, von deren
wirken man sich in dieser pinsicht etwas verspricht.

Die Zeit des Schulbesuches — des Besuches der gewerblichen Fort-
bildungsschule, der Kunst-, Pandels-, Gewerbe- und Industrieschulen —
erscheint nach allem dem als der geeignetste Zeitpunkt zur Fortbildung
des künftigen Künstlers, Handwerkers, Kaufmannes, Fabrikanten und
Großindustriellen auf Gebieten, die ihm bis dahin noch weniger bekannt,
später aber als ungemein nutzbringend sich erweisen werden, wenn sic von
ihm bei Zeiten gepflegt worden sind. Das, was er sich dort spielend
im Verkehr mit tüchtigen Lebrcrn und Standesgenosscn aneignen kan»,
läßt sich nicht privatim aus Büchern schöpfen und erlernen; das
muß durch theoretisch und praktisch vorgcbildcte Lehrmeister auf dem
Wege des unmittelbaren Unterrichts und Darstellungsvermögens dem
Einzelnen an der pand praktisch greifbarer Fälle gelehrt, zergliedert
und erläutert werden. Alsdann bleibt es auch im Gedächtnisse haften
und kann im späteren Leben einmal richtig angewandt und verwerthct
werden.

wir möchten daher jedes thätige, zielbewußte Eingreifen in die
geistige Fortbildung der Jugend, insbesondere der Jugend, die sich
dem gewerblichen Beruf widmet, nach der in diesem Aufsatze bezeichnetcn
Richtung hin als ein besonderes Verdienst bezeichnen. Das beste
Anrecht auf Fortbildung hat die Jugend in der Zeit ihrer Lehr- und
Lernjahre und mancber erwachsene deutsche Staatsbürger von heute
würde uns Dank wissen, wenn man ihm, anstatt heute ein vylksthüm-
lich geschriebenes Buch über Gcsetzeskunde und volkswirthschaft, in
der Jugend einen tüchtigen Lehrmeister an die pand gegeben hätte,
der den todtcn Buchstaben des Gesetzes an Beispielen belebt und das
Recht seines Vaterlandes auf diese weise ihm veranschaulicht und
geistig verkörpert hätte.

viel mehr erscheint cs uns als „eine Forderung der Zeit,"
in dies ein Sinne zu wirken und der Schluß vorstehender Betrachtungen
möge lauten: „Schafft überall an den geeigneten Schulen gute, volks-
thümlichc, allseitig ausgebildete qewerbcwirthschaftiche Lehrkräfte,
schafft Fachmänner, die es — unter Vermeidung jeder abstrakten Lehr-
und Abhandlungsweise — verstehen, dem künftigen deutschen Reichs-
und Staatsbürger das wenige von Rechts- und wirthschaftslehre
gründlich beizubringen, was er im heutigen Verkehrs- und Erwerbs-
leben unuingänglich braucht und das er, bevor er in dieses Leben
eintritt, nothmendig voll und ganz begriffen haben muß, um es praktisch
anwenden zu können!"

Das geht über - Bücherweisheit uud sei sie auch noch so gut
und volksthümlich.

giliidmrk im Dicnst ixf WatuMM.

Angesichts des in nnsern Tagen gesteigerten Dranges zum
Studium der Naturgebilde würde Niemand an einer Ucber-
schrift Anstoß nehmen, welche umgekehrt als die obige lautet,
also: „Die Naturkunde im Dienste der Kunst und des Kunst-
handwerks;" man würde höchstens finden, daß man ähnliche Titel und
dementsprechende Aufsätze schon öfters gesehen habe. Denn daß die
Naturkunde auch dein künstlerischen Studium der Naturgebilde förder-
lich ist, oder doch sein kann, wird gewiß von Niemandem bestritten;
weniger klar liegt es zu Tage, daß Kunst und Kunsthandwerk umge>
kehrt der Naturkunde zur Förderung ihrer Zwecke dienlich sein können,
wir wollen nicht davon reden, daß die Kunst durch eine monumentale
Architektur, das Kunstgewerbe durch geeignete Ausschmückung der
Sammlungsräume, durch paffende Ausstattung der Ausstellnngs-
schränke u. s. w. den Besuch solcher Sammlungen anziehender machen,
also hiedurch indirekt das Interesse an denselben, soinit an der
Naturgeschichte überhaupt erhöhen kann; wir wollen vielmehr zeigen,
daß Kunst und Kunsthandwerk auch direkt in die Dienste der Natur-
kunde treten und derselben dadurch einen Thcil dessen hcimzahlen
können, was die Naturkunde mittelst ihrer Sammlungen zur Unter-
stützung und Anregung für Kunst und Kunsthandwcrk thut.

wer je als Laie in der Zoologie, aber mit offcnein Blick für
Natur und Kunst zoologische Sammlungen durchwandert hat, dem wird
es nicht entgangen sein, daß nicht allein in Bezug auf Körperformen
und Bewegungen der ausgestopften Bälge vielfach gesündigt wird,
sondern auch sehr wenig gethan ist, um von der Lebensweise der
Thiere ein kleines Bild zu geben, wenn wir auch unumwunden zu-
geben, daß das letztere überhaupt nur in sehr beschränktem Maaße
möglich ist. In diesen beiden Richtungen, sowie da wo es sich um
genaue Nachbildungen nicht-conservirbarer Thiere — z. B. Poltzppen,
(Puallen rc. — handelt, kann ein künstlerisch geschultes Auge in Ge-
ineinsamkcit mit einer mehr oder weniger hochgradigen technischen
Fertigkeit pervorragendes leisten.

Lin Gang durch das neueingerichtete naturgeschichtliche Museum
in London ist auch für denjenigen, welcher sonst nur künstlerischen
oder kunstgewerblichen Studien nachgcht, ein Genuß; speziell die zoo-
logische Abtheilung — deren Vorstand, Dr. Günther, ein Deutscher
ist — ist in ihrer Art mustergiltig. Gruppen von kleinen Vögeln,

Schmetterlingen, schädlichen Insekten n. s. w., welche ein Bild von der
Lebensweise dieser Thiere geben, trifft man ja auch sonst in natur-
geschichtlichen Sainmlnngen; größere derartige Gruppen, welche einen
Flächcnranin von einigen (Quadratmetern cinnehmen, wird man aber selten
in solch' künstlerischer Vollkommenheit der Nachbildungen wiederfinden
wie hier. Gehört schon ein geübtes Auge dazu, die natürliche Gestalt
eines Thieres auch deni ausgestopften Balg zu verleihen, so bedarf es
eines nicht unbedeutenden künstlerischen Geschmacks, dieser Gestalt auch
die ihr entsprechende bewegte Haltung zu geben und zugleich eine Um-
gebung zu schaffen, welche geeignet ist, die Lebensweise des Thieres
zu veranschaulichen. In letzter Einsicht sind es namentlich zahlreiche
in England einheimische Vögel, welche mit ihren Nestern, Eiern und
Jungen sannnt dcnr Gezweig, dem Röhricht, oder deni Strandkies, in
welchenr sie nisten, vorgeführt sind und zwar in einer Vollendung,
welche in der That die Wirklichkeit ersetzt und welche ohne künstlerische
Arbeit nicht möglich gewesen wäre, Wohl wurde nicht selten das
ganze 50—40 (puadratfnß (engl.) große Terrain, auf welchem sich
das Nest befand, mit Allem, was darauf steht, abgcgraben und in
das Museum transportirt; aber nur bei dein gegenwärtig so hohen
Standpunkte der Fabrikation künstlicher Pflanzen war es möglich, die
welkenden natürlichen Pflanzen durch täuschend nachgemachte zu er-
setzen. Zu diesen reizvollen kleinen Genrebildern aus dem Leben der
Vögel hat die Natnr die Pauptmaterialien schon zum Theil fertig
geliefert; aber die geschickte Zusammenstellung, bei welcher volle Natur-
trene gewahrt geblieben, muß doch als ein bemcrkenswcrthes Ergebniß
künstlerischen Schaffens angesprochen werden. Das Einzige, was bis-
weilen noch stört, ist das mittelst Glastafeln nachgeahmte Wasser; es ist
eben bis jetzt nicht gelungen, die sanften Wellen, welche durch die Be-
wegung eines Schwimmvogels entstehen, nachzumachen. Dieses Wasser
sieht mehr den: Eise ähnlich, doch lassen versuche, welche in dieser
Richtung gemacht morden, hoffen, daß auch dieser Mangel mit der
Zeit beseitigt werde.*)

Darf schon die geschmackvolle Perrichtung der Vogelbälge und die
Verfertigung künstlicher Pflanzen der technischen Seite des Kunsthand-

') Näheres über die bei Herstellung dieser Naturgruppen eingeschlagenen Wege
findet man in I)r. Güntbe r's Aufsatz: Lririsb birds and their nests, erschienen in der
Zeitschrift Good Words, April und ^uni J89J/ S. 25 J ff. und 383 ff.

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