Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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von \599 in gutem Renaissancestil mit geschnitzten Pilastern,
Eartouchen rc.; sie bietet aber nichts, was speziell für die Vier-
länder charakteristisch wäre (Abb. der kjutständer S. 56 & 37).

Dagegen finden wir wieder auf den Sitzen etwas echt
Vierländerisches. Es sind dies die Aisten, welche überall
umherliegen. Ein Theil zeigt auf meist grau-grünem oder
grau-blauen: Grunde in der Mitte Plattstickereien, vielfach
einen Blumenkranz darstellend, welcher ein kjerz mit darüber
sich fchnäbelnden Tauben umschließt und in deinselben das
Monogramm des Besitzers. Es ist dies ein sich häufig wieder-
findendes Motiv, besonders auch bei den Areuzstickereien.
Bei einigen wenigen Aisten ist auch die ganze Fläche be-
stickt. Den größten Theil bilden aber die sogenannten Flicken-
kissen; derbe, verschiedenfarbige Tuchstücke sind so zusammen-
genäht, daß sie geometrische Muster bilden, da finden sich
zusammengesetzte Dreiecke, Vier-, Fünf- und Sechsecke rc.;

viele dieser Aisten sind über hundert Jahre alt, wodurch
die Farbe der Tuchstücke wunderschön zusammengegangen
ist und sehr harmonisch wirkt (Abb. 5. 32).

Auch die Airchen von Altengamme und Airch-
wärder enthalten derartige Sachen. Besonders die erstere
ist reichhaltig; sie besitzt auch noch ein ganz gutes gothisches
Taufbecken in Bronze. Zu erwähnen wäre noch, daß sich
sowohl in dieser, als auch in der Neuengammer-- und Airch-
wärderkirche schöne Messingkronleuchter befinden, welche in
Lübeck oder Hamburg gearbeitet sind.

Die Herkunft der Vierländer ist noch nicht ganz auf-
geklärt, sie sollen aus Flandern eingewandert sein, um die
des Deichbaues unkundigen Deutschen in dieser Aunst zu
unterweisen. Zäh haben sie bis jetzt ihre Eigenart zu be-
wahren verstanden; wie lange werden sie dieselbe wohl noch
in unserer Alles ausebnenden Zeit behalten? c. Schlotke.


ltsökiiM, ein« Nwle Ks

furch eine verdienstvolle Publikation*) wurde bas
Interesse der Aunstwelt neuerdings auf eine
Schöpfung des vorigen Jahrhunderts gelenkt,
welche bis dahin nur wenigen Freunden dieser
Stilperiode bekannt war. Zn der Thal verdient dieses Bau-
werk, als eine in dekorativer Einsicht mustergiltige Leistung,
die volle Bewunderung. Im Gegensätze zu vielen auf deutschem
Boden befindlichen Merken, welche ihre Lonception und Aus-
führung Ausländern verdanken, tritt uns hier eine Arbeit
entgegen, die mit geringen Ausnahnren ein Produkt deutscher
Erfindung und deutschen Fleißes ist.

Vttobeuren**), ein Marklflecken in: bayerischen Vber-
schwaben, 2 Stunden von der ehern. Reichsstadt Memmingen
entfernt, wurde als Benediktinerkloster bereits 76^ zur Zeit
Aarl des Großen gestiftet und kam bald zu hoher Bedeutung.
Durch ansehnliche Schankungen und durch Gütererwerbungen
haushälterischer Aebte vermehrte sich der Besitzstand allmählig
so, daß trotz der vielen Ariegsdrangsale und trotz der Vpfer,
welche besonders der 50jährige Arieg forderte, im Jahre s7p
von dem Abt Rupert II. der Grundstein zu dem jetzigen
Alostergebäude und f737 zur Airche gelegt werden konnte.

Die Baurisse zu ersterem fertigte der Alosterconventual
P. Ehristoph Vogt, der hochbetagt f725 starb, die Pläne
zur Airche lieferte (752 Dominikus Zimmermann von
Landsbcrg. Unter Abt Anselm Erb wurde der Bau eifrig
fortgesetzt und (757 mit der inneren Ausstattung der Airche
begonnen. Im Jahre (766 erfolgte nach 29jähriger Bau-
zeit die feierliche Einweihung.

Die Aosten betrugen für die Airckie allein ‘/2 Million
Gulden. Die damalige Auffassung dieser Summe ergibt sich
aus einer Antwort der Vttobeurer Herren auf eine Anfrage
des ebenfalls baulustigen Meffobrunner Alosters, welche lautete:
„Mann ihr das Geld noch zählen könnt, dann thut es ja

*) Die Klosterkirche in Vttobeuren: fferausgegeben von Vtto
Aufleger. Buchholz & Werner. München

**) Das Nähere in der Beschreibung von ?. Magnus Bern-
hard. O. 8. 6. Vttobeuren ;885.

nicht, wann ihr es aber mit Schäffeln messen müßt, mögt
ihr es wagen."*)

Linen Begriff von den Maßverhältnissen geben fol-

gende Angaben:

Flächeninhalt.2;oo □JTtctcrf)

Innere Länge. 86 Meter

Schiffweitc.20.5 „

Kuxpeldurchmesser. ;g.8 „

Lichte fföhe der Kuppel .... ZS.S „
fföhe der Säulenstellung mit Gebälk . „

(20 Stuckmarmorsäulen).

*) Das alte Münster in Wessobrunn von Professor Or. I. Sepp.
Siehe Zeitschrift des b. K. G. v. ;886.

fi) Gleich der Theatinerkirche in München.

ffutständer ans den Kirchen zu Kirchwärder (links) und Lurslak (rechts).

Gezeichnet von <£. Schlotke-Hamburg.

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