Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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von Jakob von Falke.

(Schluß.)

11.

Die kirchliche Kunst in neuerer Zeit.

IN auch mit der gothischen Epoche die Aunst
arbeit aus den fänden der Geistlichen in die
Hände der Laien überaegangen war, so hatte
doch immer noch bis gegen den Ausgang des
Mittelalters die Airche in aller Aunst die führende Rolle
gehabt. Das Höchste, was geleistet worden, im Bau, in
der Sculptur, in der Malerei sowohl der Wände wie der
Fenster, in der Goldschmiedekunst und den anderen Aunst-
gewerben, hatte immer der Airche angehärt. Insofern
kann man mit einigem Recht die mittelalterliche Aunst über-
haupt als kirchlich bezeichnen, und es ist begreiflich, wie die-
jenigen, welche die Aunst für die Airche heute zu erneuern
und zu bessern trachten, ihre Blicke ganz vorzugsweise auf das
Mittelalter richten und dessen Werke als Vorbilder aufstellen.

In der That geschah der große Umschwung, welchen
die Aunstgeschichte mit der Renaissance erlebte, zu Gunsten
der Weltlichkeit und zum Nachtheil der Airche. Die Aunst
befreite sich gewissermaßen von der Airche. Je mehr sie
selbst, die Aunst, in ihrem Aönnen, in ihrer Leistungs-
fähigkeit wuchs und die höchsten und schwersten Ausgaben
in bewundernswürdigster Weise löste und ausführte, je mehr
streifte sie die Schranken ab, welche die Airche ihr noch
gesetzt hatte, je mehr verlor sie den eigentlich kirchlichen
Charakter. Das neue Princip war nicht mehr der religiöse
Ausdruck, die Tiefe christlicher Empfindung, sondern formelle
Schönheit. Und dieses Schönheitsprincip bildete sich, nicht
von Anfang an, aber alsbald mit dem erneuerten Llassi-
cismus und dem gelehrten Humanismus immer mehr nach
den antiken Formen, also nach den Formen der heidnischen
Aunst aus. Nicht auf die Beseelung der menschlichen Gestalt
kam es an, sondern auf die ideale Bildung derselben. Große
Aünstler wußten freilich noch Beides zu vereinen, aber je
mehr den großen Meistern der Höhezeit die Aräfte zweiten
und dritten Ranges folgten, je mehr wurde das Aörperliche
geschätzt und von der Aunst bevorzugt, das Geistige, das
Seelische aber vernachlässigt. Mit dem Studium und der
Nachahmung der antiken Aunst kam aber auch all' das
ornamentale Beiwerk in die christliche Aunst, die Neben-
figuren der Mythologie, die Attribute und Symbole, die
Allegorien, die Instrumente und was Alles die antike
Ornamentik an Motiven zusammenstellte. All' das kam
auch in die Airche hinein und schmückte die Wände und
die Architekturtheile neben den Heiligenbildern und den Dar-
stellungen neuen und alten Testaments.

So litt und schwächte sich der christliche Geist in der
Aunst und gerieth in Nachtheil gegenüber dem classischen
Geiste, oder wenn man lieber will, dem allgemein mensch-
lichen. Es kam aber noch ein anderer großer Nachtheil
hinzu, indem durch die Reformation der kirchlichen Aunst
die Hälfte ihres Gebietes entzogen wurde. Wenn auch der
Protestantismus sich nicht feindlich der Aunst gegenüber
stellte, so bedurfte er doch derselben nicht; er hatte kein

Herz für sie, soweit sie kirchlich war, und begnügte sich
mit ihren Werken, wie er sie in den Airchen vorfand, wenn
er nicht gar sie daraus entfernte.

Für diese Nachtheile sollte und mußte die Höhe der
Aunstvollendung entschädigen. Michael Angelos Decken-
gemälde in der Sixtinischen Aapelle, Rafaels Sibyllen wecken
in dem Betrachter gewiß keine religiöse Empfindung; im
Geiste der classischen Aunst gedacht, sind sie ein Schmuck
des Ortes, wo sie stehen, durch ihre Vollkommenheit, durch
ihre Größe und Schönheit als Werke der Aunst. Wir be-
wundern sie und werden dadurch gehoben, aber unsere
Empfindung ist nicht christlich, nicht religiös. Die Fresco-
malerei, welche den Airchen das ganze Mittelalter hindurch
so reichen Schmuck verliehen hatte, weicht nun den Staffelei-
gemälden, wie sie die Melmalerei schuf. Freilich die Bilder,
welche nun die Altäre schmücken und auch an die Wände
gehängt werden, die Madonnen z. B. wie sie von Rafael,
von Luini, von Andrea del Sarto, von Titian geschaffen
werden, sie stehen als Aunstwerke unendlich über dem, was
das Mittelalter in gleicher Art hervorgebracht hatte, und
es ist zu begreifen, daß sie bei ihrer Schönheit auch zu
religiöser Empfindung anregen, aber es ist andrerseits be-
zeichnend, daß das Beste davon nach und nach die Airchen
verlassen hat und in die Museen zu weltlichem Aunstgenusse
gewandert ist. Mit dieser Aunst war es indessen nur ein
Wandel, denn die Malerei verließ die Airchen nicht, anders
aber war es mit der Glasmalerei. Im fünfzehnten Jahr-
hundert hatte sie noch die breiten Fenster der gothischen
Airchen mit ihren Farben erfüllt und mit ihren: Glanze
durchleuchtet; religiöse Darstellungen waren es fast allein
gewesen, welche sich als fromme Stiftungen über die Flächen
ausgebreitet hatten. Die Airche der Renaissancezeit sah
wenig Neues mehr erstehen. Die Glasmalerei verwandelte
sich in eine Miniaturkunst, zog sich noch eine Weile aus
der Airche in das Haus zurück, um allgeniach ganz zu erlöschen.

Bei der überwiegenden Weltlichkeit der Zeit will es
uns scheinen, als ob überhaupt während der Epoche der
Renaissance in den Airchen nicht allzuviel geändert wurde,
und die Aenderung, zumal nordwärts der Alpen, mehr in
Entleeren als in Neuschaffen bestand. Der Airchen, welche
im strengen Stil der Renaissance gebaut wurden, sind nicht
allzuviele, und wo eine neue Ausstattung, neue Geräthe
geschaffen wurden, tragen diese ein anderes Gepräge, die
Eigenschaften des neuen Stils. Die Sculptur kehrte auch
nordwärts der Alpen mehr zur Verwendung des Steines
zurück und sie fand reiche Gelegenheit zur Entfaltung an
den Grabsteinen und Denkmälern, welche zahlreich be-
deutenden Persönlichkeiten in der Airche gesetzt wurden. In
Verbindung der Porträtsfiguren mit Rundbogenarchitektur
und reinem Ornament der Renaissance entstanden in großer
Zahl schöne, der Airche zur Zierde gereichende Werke, so-
wohl in Italien wie in Deutschland und Frankreich. Gleicher-
weise wie sich bei diesen Denkmälern die gothischen Baldachine
in Rundbogen verwandelten, wurde auch die Architektur des
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