Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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Schalldeckel folgt dein Grundriß der Kanzel und ist auf
der Unterseite und den: äußeren Fries ebenfalls mit auf-
gelegten Ornamenten bedeckt. Ueber einem abschließenden
Gierstabgesims erheben sich frei geschwungene Aufsätze,
hinter welchen die gewölbten Seiten der Dachkuppel aus-
steigen. Ueber die Rauten legen sich frei geschwungene
durchbrochene Voluten. Die Ruppel schließt mit einen:
kleinen Aufsatz, der das I. H. S. in: Strahlenkranz trägt.
Die ganze Ranzel ist aus Nußbaumholz gut gearbeitet und
zeigt die schöne dunkle Farbe des Holzes. Die Höhe vom
Schiff- zun: Ranzelboden beträgt 2, fO m, die Höhe der
Brüstung f,20 m, die Höhe des Schalldeckels von: Schiff-
boden (f,20 m. — —

Zun: Schluß möge an dieser Stelle nochmals der Ver-
dienste des Pfarrers Haraffer um das Rirchlein gedacht
fein, der zu einer Zeit, die der kunstgewerblichen Hinter-
lassenschaft der Väter in weiten Rreisen wenig oder gar

kein verständniß entgegenbrachte, mit liebevoller Pietät
für die Erhaltung der stilvollen Rircheueinrichtung thätig
war und mit Eifer die Nachrichten gesamnrelt hat, die sich
über das Rirchlein erhalten haben. Aber auch der wackeren
und keineswegs wohlhabenden Gemeinde Ebbs, der die
Erhaltung des Rirchleins allein obliegt, feit das Rirchen-
vermögeu {788 in die sog. Seelsorgerkassa abgesordert wurde,
sei es zur Ehre ungerechnet, daß sie mit Interesse und ver-
stäudniß das reiche Erbe ihrer Vorfahren hütet, daß sie es
verschmäht hat, trotz mannigfacher Angebote den reichen
Schnitzaltar zu veräußern. Möge ihr für diese Anhänglich-
keit der hl. Nikolaus wie schon seit über *f00 Zähren auch
fernerhin seinen kräftigen Schutz verleihen.

Den: jetzigen psarrherrn von Ebbs, Herrn Pfarrer
Metzger, fei für fein freundliches Entgegenkommen und
die liebenswürdige Rnterstützung bei dieser Arbeit der ver-
bindlichste Dank ausgesprochen.

von Jakob von Falke.

(Fortsetzung.)

I.

Die kirchliche Kunst im Mittelalter.

(Schluß.)

er romanische Runststil war in: Ruustgewerbe
soweit in künstlerischer und technischer Vollendung
vorgeschritten und hatte bereits eine so reiche
und mannigfache Entfaltung in den Fornren
der Geräthe und der Ornamente genominen, daß die Ver-
änderungen, welche der gothische Stil, etwa seit der Mitte
oder den: Ende des dreizehnten Jahrhunderts brachte, nicht
überall als günstige betrachtet werden können. Die Ver-
änderungen waren doppelter Art, einmal waren sie künstlerische,
zum anderen lagen sie im Betriebe der Arbeit. Bis dahin,
was den zweiten Punkt betrifft, war Alles für den Dienst
der Rirche auch von der Rirche felbff hergestellt worden.
Das Mctallgeräth, das Mobiliar, der Bedarf an textiler
Runst, Alles war in den Mönchs- und Nonnenklöstern, in
den Werkstätten der großen Stifte und an den Sitzen der
Rirchenfürsten gearbeitet worden. Es war gewifferniaßen
um Gotteslohn geschehen, nicht um Gewinn; geschickte
Hände waren vorhanden, Zeit war nicht Geld, sie war in:
Aeberffuß, nur die Materialien waren zu beschaffen ge-
wesen. Das wurde nun anders. Die Städte erblühten, in
den Städten entstanden die Zünfte, die Innungen und
nahmen die Gewerbe als Privileg und bildeten sie aus mit
all' den geschloffenen Regeln und Gesetzen. Sie inachteu
nun den geistlichen Werkstätten nicht bloß Eoncurrcnz, sondern
nahmen ihnen nach und nach die Arbeit ab, zuweilen selbst
mit Zwang, und ließen ihnen nicht viel Anderes übrig
als die Schrift und ihre Verzierung und den Schmuck der
Gewäuder und auch diesen nur theilweise. Mas für den
Dienst der Rirche seit dieser gothischen Runstepoche an-

gesertigt wurde, war daher größteutheils weltliche Arbeit,
aus Bestellung und für Bezahlung gemacht, um weltlichen,
nicht um geistliche:: Lohn, nicht mit der Liebe, welche sich
durch Fleiß, Mühe und Gelingen das Himmelreich zu ge-
winnen hofft.

So großartige Merke wie die oben erwähnten Reliquien-
schreine brachte daher die kirchliche Runst der gothischen
Epoche nicht mehr zu Stande; es mußte dafür die größere
Vollendung in rein künstlerischer Beziehung entschädigen.
Dieser Fortschritt kan: freilich vor Allen: der Malerei und
der Plastik zu Gute, da es sich ja dabei zunächst um die
Darstellung der Figur handelte, allein auch das Runst-
gewerbe hatte seinen vortheil, und das un: so :nehr, als
eine Trennung zwischen Runstgewerbe und hoher Runst
nicht statt fand, weder nach den Gegenständen noch nach
den Rünstlern.

Menn der romanische Runstgeschmack einem gewissen
Idealismus huldigte und oft bei dürftiger, unzulänglicher
Darstellung sich nrit Sinn und Bedeutung des Dargestellteu
begnügte, so nah::: die Runst des gothischen Stils sich die
Natur zun: Muster und strebte aus diesen: Mege zu jener
Höhe hinan, welche die Renaissance erreichen sollte. Aus
diesen: Mege, so lange noch gleichzeitig die Tiefe der religiösen
En:pfindung vorhielt, entstanden während des fünfzehnten
Jahrhunderts jene wunderbaren Miniaturmalereien, welche
die Gebetbücher und andere Mauuskriptbücher religiösen
Inhalts schnrücken, Malereien von zartester Einpfindung
und liebevollster Ausführung, gleich vollkoinmen in den figür-
lichen Scene:: wie in den: ornamentalen Beiwerk von Vögeln,
Schmetterlingen, Früchten, BIrnnen, Ranken und Laub.

Aus den: gleichen Mege einer Richtung, welche n:an
der Tendenz nach schon als Realismus bezeichnen kann,
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