Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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4- -4'

Zierleiste von Leonhard Hellmuth.

Viklilaüs Sei

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yf- 'S§ I

^ine Viertelstunde östlich von
dem pfarrdorfe Ebbs bei
Aufstein in Tirol erhebt sich
als Vorposten des mächtigen pinterkaiser-
Gebirges, von dessen steil abfallenden
Nordwänden durch eine tiefe Schlucht
getrennt, ein bewaldeter lhügel zu nur
geringer kjöhe. Trotzdem schweift von seinem Gipfel der
Blick weithin stromauf und stromab durch das gesegnete
Innthal: zu dem malerischem Städtebild der alten Veste
Aufstein am Fuße des steil ragenden, die ganze Landschaft
beherrschenden pendiing und darüber hinweg zu den fernen
vielfach sich überschneidenden Bergketten des Brixen- und
Zillerthales, hinüber über den Inn zu den freundlichen
Dörfern des bayerischen Gebiets, zu den waldigen Bergen
des Landls und —■ dem Flußlaufe folgend — zwischen den
Bergen hindurch hinaus in die weite blaue Ebene. Nur
gegen Süden rnrd Südosten sind dem Fernblick enge Grenzen
gezogen und in greifbarer Nähe trifft das Auge auf das
massive, wildzerklüftete Felsengemäuer des Aaisers.

Der bjügel heißt insgemein die „Nikolausburg" und
ist von den Bewohnern der Umgegend als schöner Aus«
sichtspunkt geschätzt und viel besucht. Den Gipfel schmückt
eines jener anspruchslosen Airchlein mit dem schlanken
spitzen Thurmhelm, wie sie von so vielen Hügeln und
Bergen in Tirol herabgrüßen. Es ist eine Filialkirche der
Pfarre Ebbs, im Gebiet der Gemeinde Buchbcrg, den:
hl. Nikolaus geweiht. In seiner jetzigen Gestalt stammt
das Airchlein aus dem \5. Jahrhundert. Es zeigt den *)


weyffev.

auch für Oberbayern typischen Grundriß der einschiffigen
Landkirchen aus jener Zeit: Langhaus mit polygonem
Thor und daran seitlich angebautem Thurme.

Jedenfalls aber steht das Airchlein auf alter Grund-
lage. Wie schon der Name „Nikolausburg" andeutet, soll
nach der Grtstradition auf dem pügel eine Burg der im
j6. Jahrhundert ausgestorbenen Herren von Ebbs ge-
standen haben. Der oben wohnende Aüster will auch bei
gelegentlichen Erdarbeiten auf starke Mauerreste gestoßen
sein und eine sachgemäße Nachgrabung würde wahrscheinlich
weitere Aufschlüsse geben, sonst aber ist jede äußere Spur einer
früheren Bebauung verschwunden. Auch die litterarischen
Quellen, die Aufschluß über die frühere Geschichte der Airche
geben könnten, fließen ziemlich spärlich. Die alten Airchen-
bücher von Ebbs sind in den Stürmen des Jahres f809
abhanden gekommen, auf dem kgl allgemeinen Reichsarchiv
zu München hat sich laut einer geschätzten Zuschrift nichts
gefunden; — da aber weitgehende historische Untersuch-
ungen nicht der Zweck dieser Zeilen sind, so mag das ge-
nügen, was den Aufzeichnungen des verstorbenen Pfarrers
lharasser von Ebbs und den Angaben von Johann Jakob
Stuffler (Tirol und Vorarlberg) zu entnehmen ist.

Die Pfarre Ebbs mit der Filialkirche St. Nikolaus
gehört zuin Erzbisthum Salzburg und stand bis zum
Jahre \772 unter dem Archidiakonate des Alosters Gerren-
Ehiemsee. Schon in sehr früher Zeit hatte Ebbs eine
selbständige Seelsorge. In dem Airchenverzeichniß'des Erz-
bischofs Arno von Salzburg, dem sog. indieulus Arnonis
de anno 788, erscheint Ebbs unter dem Namen eoclesia
ad Episas, und in einer Urkunde des Herzogs Ludwig
von Bayern vom Jahre \27\ ist als erster Zeuge ein
Chunrad decanus de Ebse genannt; Ebbs war also
damals schon Dekanatspfarre. In Bezug auf unsere Filial-
kirche sagt der Pfarrer Aarl Schurs von Ebbs in seinem
Inventar vom Jahr j599' daß der hl. Nikolaus schon
\56{ mehrere Gilten und Grundzinsen hatte und einen
„Indulgenzbrief mit zehen anhangenden Siegeln und des
Herzogen von Payern und Bischofs von Salzburg Wappen."
Gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde ein
Theil des Vernnögens der Airche St. Nikolaus zum Neubau
der Pfarrkirche zu Ebbs verwendet und nach der Säku-
larisation des Alosters Herren-Lhiemsee wurde die Airche
unter Aaiser Josef p85 geschlossen und seit der Zeit nur
selten zu gottesdienstlichen Handlungen benützt.

*) Nachdruck dieses und des folgenden Artikels sowie der Abbildungen verboten.

Zeitschrift des bciser. Uunstgewerbe-Vereins München.

(8J2. tzest 7 & 8. (8g. (.)
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